Rost zu Rost

Oh let the sun beat down upon my face,

Stars to fill my dream.

I am a traveler of both time and space,

To be where I have been.

To sit with elders of the gentle race,

This world has seldom seen.

They talk of days for which they sit and wait

And all will be revealed …

-Led Zeppelin

 

 

 

Das erste, was er sah, als er auf die Stadt zuritt, waren die Gehängten.

An diesem Tag waren es ein knappes Dutzend, die vom Geländer der Brücke hingen – an Ketten, selbstverständlich an Ketten, denn die Hände der Gezeichneten waren zu ungeschickt, um aus Hanffasern Seile zu drehen oder die Pflanzen auch nur anzubauen. Er verzog das Gesicht, als er unter den Toten hindurch ritt, doch mehr aus Reflex, mehr als Geste der Höflichkeit. Gewiss, es war ein grausamer Tod, aber er hatte auf seinen Reisen schon viele grausamere gesehen.

Im Schatten der Brücke erwartete ihn ein Zöllner der Gezeichneten. Es war ein hünenhaftes Exemplar mit einem Buckel, der allein schon mehr wiegen mochte als ein ausgewachsener Mann. Seine Zähne waren gelb, schief und manchmal handtellergross. Mit einem Laut, der fast wie ein Seufzen klang, streckte er die Hand nach ihm aus.

»Name, Fremder?« Zwei weitere Gezeichnete standen im Rahmen des Hünen. Einer davon hatte drei Arme, der andere einen überdimensionierten Kopf und triefende Telleraugen. Beide hielten sie Stäbe mit sensenartigen Klingen in den Händen, doch sie schienen sich damit selbst unwohl zu fühlen.

»Michael«, sagte er, darauf bedacht, jede Silbe sorgsam zu artikulieren. »Michael de l’Ange.«

»Beruf?«

»Priester.« Er zog die Halskette mit dem silbernen Stern aus dem Mantelaufschlag und hielt sie ihm hin.

»Priester«, echote der Hüne, und die beiden kleineren Gezeichneten keckerten manisch. »Gabe?«

Michael griff in seine Satteltasche und zog zwei Laib Brot hervor, eingeschlagen in getrocknete Schilfblätter. Er legte sie in die ausgestreckte Hand des Hünen. »Speise für euch, im Namen des Herrn.«

»Seinen Segen auf deinem Weg.« Der Zöllner nahm die Gabe an sich und zog sich zwischen die Felsen zurück. Michael trieb dem Pferd die Fersen in die Flanken und ritt aus dem Schatten der Brücke, weiter auf die Stadt zu.

Auf seinen Reisen hatte er dieses Ritual beinahe zu schätzen gelernt. Die Gezeichneten an den Stadteingängen waren friedfertig, solange man ihre Forderungen erfüllte, denn sie brauchten die frische Nahrung, die ihnen Reisende von ausserhalb brachten. Für Reisende wiederum waren sie nützlich, weil sie die Stauwehre in Stand hielten, so gut sie konnten – mit Lehm, Holz und ungeschickt in Form geschlagenem Eisen –, sodass das Flussbett ausgetrocknet und als Strasse begehbar blieb. In ihm reiste es sich viel sicherer als oben in den Vorstädten, wo hinter jeder Strassenecke neue Gefahren lauern konnte.

Doch Michael schätzte diese Kreaturen noch aus einem ganz anderen Grund. Ihre blosse, Übelkeit erregende Präsenz diente als Mahnung, als Erinnerung an das, was mit der Welt geschehen war. Denn einst waren auch sie Menschen gewesen.

 

Früher hatte die Stadt gewiss einen Namen getragen, einen klingenden Namen voll Verheissung, der von ihrer Grösse und Glorie kündete. Heute machte sich niemand mehr diese Mühe. Die meisten, die im Schatten der Himmelstürme, in schuttverstopften Strassenzügen oder den Häuserruinen unter dem Stauwehr lebten, hatten nie auch nur in Betracht gezogen, dass es jenseits des Horizonts noch andere Städte als diese geben könnte, oder auch nur dass es da überhaupt noch etwas geben könnte.

Für andere, die wie Michael die Welt hinter dem Horizont bereisten und schon viele Städte gesehen hatten, nicht wenige davon grösser als diese, hatten sich schlichte Assoziationen eingebürgert, um die Städte auseinander zu halten: die Gewaltige, die Rote, die Verfluchte.

Solche Reisende nannten diese Stadt die Rostige.

Hinter der Brücke führte eine Rampe aus Beton hinauf zum Flussufer. Früher mussten hier die Docks gelegen haben, den weit ins Flussbett hinausragenden Stegen und in Trümmern auf der Erde liegenden Säulen nach zu urteilen. Eine Rotte Gezeichneter tummelte sich am oberen Rand der Rampe und stach mit Stöcken auf etwas ein, das wie ein Hund mit zu vielen Beinen aussah, doch sie wichen zur Seite, sobald sie Michael erspähten.

Er ritt zwischen ihnen hindurch, ohne sie eines zweiten Blickes zu würdigen. Das Schwert an seiner Seite war Abschreckung genug, ebenso die Tatsache, dass er sich ein reinrassiges Pferd leisten konnte, ein Prachtstier mit sauberem Fell und offenbar ebenso reinem Blut. Streuner wie die taten gut daran, jemandem aus dem Weg zu gehen, der ein solches Tier ritt.

Als er auf einer Höhe mit den Strassen angelangt war, liess er das trockene Flussbett hinter sich und begab sich zwischen die Häuser.

Seit seiner ersten Reise durch die Ruinen der Welt waren Jahrzehnte vergangen. Seither war Michael tausende Meilen gereist – zu Fuss, zu Pferd, auf Eselskarren und den Rücken von Gezeichneten, auf Booten, Drachenfliegern und einmal sogar in einer der uralten Eisenbahnen, die schneller fuhren als der Wind. Er hatte Burgen und Schlösser gesehen, Könige und Königreiche, Kriege, Ungeheuer und viele Relikte der Alten. Trotzdem verschlug es ihm noch immer jedes Mal den Atem, wenn er in eine ihrer Städte einritt.

Erst waren die Häuser nur steinerne Ruinen, die sich unter der Sonne duckten. Zwischen ihnen hingen wie Nissen die Verschläge aus Holz und Wellblech, in denen die Gezeichneten hausten. Der Asphalt der Strassen war aufgeplatzt, graue Schuppen türmten sich auf, und aus den Narben zwischen ihnen wucherte Unkraut. Doch mit jeder Minute, die er voran ritt, wurden die Häuser höher. Ihre Fassaden waren zwar selten intakt, doch ihre Skelette aus Stahl und Beton erhoben sich noch immer unversehrt zu beiden Seiten der Strasse: fünf, sechs, sieben Stockwerke hoch. Über die Dächer zog sich ein Stoppelfeld aus Antennen, auf denen manchmal die doppelköpfigen Raben thronten, die Städte wie diese zu ihrem Revier auserkoren hatten. Und hinter den Antennen, hinter den Köpfen der Raben, ragten die Türme auf. Selbst wenn sie weit entfernt am Horizont standen, war ihre Grösse atemberaubend. Wenn man sich ihnen jedoch näherte und sie höher und höher wachsen sah, makellose Säulen aus Stahl und Panzerglas, denen die Jahrhunderte nichts hatten anhaben können, Reihen um Reihen um Reihen von Fenstern, die in die Hunderte gingen und schliesslich zwischen tief hängenden Wolken verschwanden, dann erstarrte man in Ehrfurcht vor der Schaffenskraft der Alten.

Die Erbauer dieser Türme wären längst tot, vernichtet durch ihre eigenen Waffen oder zu Gezeichneten verkommen. Doch ihre Bauwerke würden die Äonen überdauern.

 

Michael traf den Wolfsmann auf halber Strecke zu den Türmen. Er hatte Menschengestalt angenommen, war aber wie alle seiner Art nur in eine grosse, bestickte Decke gekleidet, die er bei Bedarf binnen eines Augenblicks abwerfen konnte. In den Händen hielt er einen Bogen mit angelegtem Pfeil.

»Fremder!«, rief er mit einer Stimme, der eine unvermutete Sinnlichkeit anhaftete. »Du befindest dich im Revier der El’Vaurr. Was führt dich hierher?«

»Ich komme auf Einladung von Dwight, Fürst der El’Vaurr. Er mich gebeten, so bald wie möglich zu ihm zu kommen, um ihn in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen.«

Der Wolfsmann senkte den Boden nicht. Seine Züge, unter dem sandfarbenen Bart, blieben skeptisch. »Wie ist dein Name?«

Schon der zweite, der mich das in dieser Stadt fragt, dachte Michael. Er hob die Hände, um zu unterstreichen, dass er unbewaffnet war. »Michael de l’Ange. Ich bin Priester.«

»Michael?« Erst jetzt senkte der Wolfsmann die Waffe und machte zwei Schritte auf ihn zu. Sein Misstrauen war Sorge gewichen. »Der Fürst hat von dir erzählt, doch du kommst zu spät. Dwight der-viele-gerissen-hat ist tot.«

»Tot?« Michael presste die Lippen aufeinander.

»Er wurde vor vier Tagen von einem Zauberer getötet«, sagte der Wolfsmann. »Doch es ist nicht an mir, dir von seinem Schicksal zu erzählen. Folge mir. Ich bringe dich zu Prinzessin Luphia.«

»Warum Luphia?« Michael erinnerte sich an sie. Sie war ein kleines Mädchen gewesen, als er sie zum letzten Mal gesehen hatte, gerade erst den Zitzen ihrer Mutter entwachsen. Gewiss, das war lange her, Jahrzehnte. Doch die Wolfsmenschen lebten streng patriarchalisch. Nach dem Tod ihres Fürsten folgte ihm der nächste männliche Verwandte auf den Thron nach, wenn ihm nicht ein Herausforderer im Kampf das Erbrecht entriss. Frauen wurde niemals die Verantwortung für die Angelegenheiten des Stammes anvertraut.

»Das wird sie dir selbst erklären.« Abrupt wandte sich der Wolfsmann um und sprintete los. Michael folgte ihm verwirrt.

 

»Es ist der Tod, Michael.« Luphia sass im Fensterrahmen eines der alten Häuser, hinter ihrem Rücken fiel die Betonwand fünf Stockwerke weit senkrecht in die Tiefe. »Wir haben ihn aufgeweckt. Die El’Vaurr sind zu tief ins Innere der Stadt vorgedrungen und sind … auf einen Alten gestossen.«

Trotz seiner Bestürzung über diese Worte konnte Michael nicht umhin zu staunen, wie schön die junge Wolfsfrau geworden war. Auch sie trug die traditionelle Decke ihres Volkes, unter der sich die Konturen ihres Körpers nur erahnen liessen, doch ihr Gesicht war das einer Frau in der Blüte ihres Lebens, mit langem blondem Haar, das in der Abendsonne glänzte wie flüssiger Honig. Ihre Züge waren ebenmässig und von keiner der Narben entstellt, die bei männlichen Wolfsmenschen nur allzu oft ein bezeichnendes Merkmal waren.

»Wir kamen wie jedes Jahr am Abend des Sommers hierher in die Stadt, um uns mit den anderen Stämmen zu beraten und Wintervorräte anzulegen. Dabei jagten wir ausserhalb der Häuser, aber auch hier in den Strassen, wo es seit einigen Jahren wieder Hasen und Füchse gibt. Nicht viel Fleisch, aber gutes Fell, um mit den Windleuten zu handeln.«

Michael nickte schweigend.

»Eine Gruppe unserer Jäger ging auf einem Streifzug bis zwischen die Türme. Junge, unvorsichtige Jäger, darunter auch mein Bruder.«

»Daniel?«

»Daniel.« Sie nickte. Ihre Züge waren wie aus Stein gemeisselt. »Sie stiessen auf eine Fährte, die Fährte von Rindern. Übermütig, wie sie waren, dachten sie sich nichts dabei und folgten der Fährte immer tiefer hinein, bis zu einer Schatzkammer.«

Er hob eine Augenbraue.

»Sie konnten es nicht anders beschreiben. Ich habe sie nie mit eigenen Augen gesehen, aber die Jäger erzählten von einer Halle voll Brot und gesalzenem Fleisch, Fisch, Wasser und Petroleum, und dazwischen ein Dutzend lebender Rinder, mit einem so reinen Geruch, wie sie es noch nie in ihrem Leben gerochen hatten.«

»Ein Lebkuchenhäuschen zwischen den Türmen aus Glas …«

»Was?«

»Ach, nichts. Nur eine alte Legende. Bitte, fahr fort.«

»Den nächsten Teil kannst du dir denken. Sie schlugen sich die Bäuche voll und nahmen die Rinder mit, zum Beweis für den Rest des Stammes.«

»Nur leider gab es einen Besitzer der Rinder?«

»Ja.« Ihre Wangen, zu Beginn des Gesprächs noch von lebhaftem Rot, verloren alle Farbe. »Er sah aus wie ein Mensch – ein echter Mensch, kein Gezeichneter –, aber mit brennenden Flügeln. Er kam noch am selben Tag, an dem unsere Jäger die Rinder gefunden hatten, und verkündete, wir seien als Banditen ins Reich von Apherion eingedrungen, das zwischen den ersten Türmen beginne. Er forderte die Rinder zurück, und ausserdem eine Entschädigung für das Begangene Unrecht.«

»Wie hoch sollte diese sein?«

»Zweihundert Felle, hundert Pfund Pökelfleisch und dreizehn Donnereier, durch die wir die Stimmen der Ahnen hören können. Mein Vater konnte ihm dies nicht gewähren. Er wollte verhandeln, doch einer von denen, die die Rinder gefunden hatten, wurde zornig und schoss nach dem fliegenden Boten. Sein Pfeil traf ihn ins Bein.«

Michael hielt den Atem an.

»Daraufhin griff der Bote an. Er liess Blitz und Donner auf uns herunterfahren, Pfeile aus Feuer und eiserne Kugeln, die durch unsere Krieger glatt hindurch fuhren. Er tötete meinen Vater und sechs andere. Mindestens ein Dutzend wurden verletzt, darunter mein Bruder. Der Bote packte ihn und zog ihn mit sich in die Luft. Er verkündete, wenn wir die Rinder und die Entschädigung nicht bis zum neuen Mond zurück zu den Türmen brächten, sei Daniel des Todes.«

»Wie lange ist das her?«

»Vierzehn Tage. Nur noch drei weitere, dann ist das Ultimatum abgelaufen.«

»Vierzehn Tage?« Michael verengte die Augen. »Ich erhielt die Nachricht deines Vaters vor fünf Tagen. Der El’Vaurr, der sie mir überreicht hat, reiste in Wolfsgestalt. Er kann nicht länger zu mir gebraucht haben als ich hierher. Was hat das zu bedeuten, Luphia?«

Sie sah ihn flehentlich an. »Bitte, verzeih mir … Ich war es, die die Nachricht geschickt hat. Ich brauchte deine Hilfe, so schnell wie möglich. Deshalb musste ich sie in seinem Namen schreiben.«

»Warum?«

»Ich kann dem Boten das Verlangte nicht geben. Ohne die Felle und das Pökelfleisch werden viele El’Vaurr diesen Winter nicht überleben, vor allem die Verletzten nicht. Und … die Krieger wollen Rache. Sie würden mich in Stücke reissen, wenn ich mich den Forderungen des fliegenden Boten beugen würde.«

»Krieg gegen einen Alten. Du weißt, dass dies euer sicherer Tod wäre.«

»Ja, aber sie wollen es nicht einsehen! Deshalb bitte ich dich um Hilfe.«

»Was kann ich tun?« Michaels Finger wanderten zu dem Silberstern an seinem Hals. »Meine Kräfte können sich nicht mit jemandem messen, der über Blitz und Donner gebietet.«

»Aber du kennst die Alten. Du hattest schon früher mit ihnen zu tun. Ich bitte sich, sei unser Unterhändler – um meines Vaters willen.«

»Niemand kennt die Alten, Luphia. Wie kann jemand Sterbliches ein Volk kennen, das Städte wie diese geschaffen hat, das Jahrhunderte an sich vorbeiziehen sieht wie Jahreszeiten, das über Leben und Tod und die Zeit selbst gebietet.

Es ist war, ich habe manche von ihnen getroffen. Weise und Wahnsinnige. Heiler, Gelehrte und Tyrannen. Ich habe mit manchen von ihnen gesprochen, aber keinen verstanden.

Dennoch werde ich tun, was ich kann. Trotz meiner Schwäche, und trotz deiner Lüge, denn ich stehe mit meinem Leben in Dwights Schuld.«

»Ich danke dir, Michael!«

»Du solltest mir nicht danken, Luphia. Du solltest mich um Verzeihung bitten.«

 

Bevor er aufbrach, verlangte Luphia, dass er zu den Ahnen sprach und ihren Beistand erbat. Seine Einwände, dass er ein Priester des Schweigenden war und deshalb nicht an den Beistand der Ahnen glaubte, schlug sie ab. »Du gehörst nicht mehr zum Orden, Michael. Man erzählt sich, dass genau das der Grund dafür war: Du kümmerst dich wenig um die Gebote eures Gottes.«

Also ist die Kunde vom meiner Exkommunikation bis hierher gedrungen, bis ans andere Ende des Kontinents, dachte er grimmig. Seine Hand wanderte zum Stern an seinem Hals, doch er lenkte mit einem Schulterzucken ein. »Ich werde eure Gebräuche respektieren.«

Die Halle der Ahnen befand sich im Keller des Ruinenhauses, in dem Luphia ihn empfangen hatte. Für gewöhnlich tat man gut daran, sich in Städten wie dieser von Kellern fernzuhalten – der Gefahren gab es schon über Tag genug. Was für Schrecken in den Schächten lauerten, in den Kanälen und uralten Wasserrohren, davon existierten nur dunkle Geschichten, denn kaum jemand war jemals lebend und bei Verstand von einer solchen Begegnung zurückgekehrt. Doch dieser Keller war sicher. Jeder Winkel war mit Fackeln ausgeleuchtet, und er wurde das ganze Jahr über von Wolfsmenschen bewacht, selbst wenn der Rest des Stammes im Frühling weit ausserhalb der Stadt über die Ebenen zog.

In seiner Mitte, auf einem Podest aus glattem, spiegelndem schwarzen Stein, stand der Projektor.

Die Wolfsmenschen nannten ihn das Fenster, doch Michael kannte seinen anderen, älteren Namen noch aus seiner Studienzeit beim Orden. Er war ein schlankes, silbernes Konstrukt aus Glas und Aluminium, dessen makelloser Oberfläche man die Jahrhunderte nicht ansah. Um ihn herum lagen Schädel, Dutzende von Wolfsschädeln.

Im leben achteten die Wolfsmenschen jede ihrer Gestalten, denn sowohl Mensch als auch Tier brachten ihnen unverzichtbare Vorteile. Doch im Tod verehrten sie nur diejenigen, die im grauen Pelz gestorben waren. Nur sie seien nahe bei den Göttern, so besagte ihr Glaube, und nur sie hatten es verdient, in der Halle der Ahnen beigesetzt zu werden.

Luphia streifte die Decke von ihren Schultern, sobald sie den Raum betrat. Feuerschein spiegelte sich auf ihrer elfenbeinfarbenen Haut. Sie schritt zum Podest, wo sie in die Knie ging und den Kopf in den Nacken legte. Ein langgezogener Ruf entwich ihrer Kehle, zuerst der einer Frau in Ekstase, doch schon im nächsten Augenblick ein dunklerer, hybrider Klang, der an Menschlichkeit verlor, je länger er andauerte. Ein Schatten legte sich auf ihre Haut, ihre Proportionen verzerrten sich. Fell wucherte über ihren Rücken und die eben noch verführerischen Rundungen ihrer Hüfte, kroch über die Arme und Beine, die plötzlich in krallenbewehrten Pfoten ausliefen. In ihrem Kopf, jetzt ganz die langgestreckte Schnauze eines Wolfes, erinnerten nur noch die Augen an ihr menschliches Wesen.

Michael blieb in der Tür stehen, während die Prinzessin ihren Ahnen Respekt zollte. Er hatte Verstörenderes gesehen auf seinen Reisen. Trotz all ihrer Schrecklichkeit hatte er in der Verwandlung der Wolfsmenschen immer auch eine unbestreitbare Schönheit gesehen.

Es mochten Minuten oder auch Stunden vergangen sein, als Luphia sich zurückverwandelte. Ohne sich mit der Decke aufzuhalten, ging sie hinter das Podest und nahm ein zylinderförmiges Donnerei aus einer Schale, die dort lag. Ein weiteres Relikt der Alten, doch im Vergleich zu Waffen und himmelhohen Türmen ein geradezu possierliches. Sie setzte das Ei in eine Rückwand des Projektors, und das Gerät erwachte zum Leben.

Eine Spule begann sich zu drehen, und auf der Vorderseite glommen zwei rote Lichter wie Kohlestücke im Dunkeln. Die Prinzessin forderte Michael mit einer energischen Handbewegung auf, seine Pflicht zu tun.

Er trat näher und verneigte sich.

»Mein Name ist Michael de l’Ange, und ich bin … ich war ein Priester des Schweigenden. Ebenso war ich ein guter Freund von Fürst Dwight der-viele-gerissen-hat und bei dem ich in Blutschuld stehe. Ich erbitte den Beistand der Ahnen dabei, diese Schuld zurückzuzahlen, indem ich als Unterhändler für den Stamm der El’Vaurr zu den gläsernen Türmen gehe und mit einem der Alten spreche. Sein Name ist Apherion.«

Er verstummte, und Luphia nickte scheinbar zufrieden. Sie berührte eine Stelle an der Seitenwand des Projektors, und die beiden Lichter wurden unvermittelt grün. Licht flutete aus der Oberseite des Relikts und erhellte den ganzen Raum. An der Kellerdecke, die zu ebendiesem Zweck schneeweiss getüncht war, erblühte ein Bild.

Es war ein alter Wolfsmann mit verfilztem Bart und einer Augenklappe. Über seinen Oberkörper spannten sich Verbände. Mit tiefer, immer wieder von Störfrequenzen durchschnittener Stimme begann er zu sprechen:

»… Apherion. Es war am Morgen des Sommers, als er zu uns kam und uns Hilfe … Dabei wollte er nur drei Weibchen der unterworfenen Feinde, die besten drei … Er zog mit uns in den Krieg und erschlug mehr als jeder von uns mit seinem Stab-der-Feuer-atmet …«

Das Bild erzitterte, dann erschien eine neue Szene. Diesmal war es ein junger Wolfsmann, der immer wieder nervös zur Seite blickte.

»… Apherion. Die El’Suntur und die Dav El’Dav fliehen nach Norden. Nein, nein, sie liegen tot auf dem Platz des grauen Mondes, die meisten – aber die, die überlebt haben, fliehen … Haben den Donner gehört und uns versteckt … Schande vor den Ahnen, deshalb … und erst zurückkommen, wenn Busse getan ist.«

Das Bild gefror, und noch einige Sekunden lang rauschte der Projektor. Dann verschwand das Licht, nur die Spule drehte sich leise summend weiter. Luphia zog das Donnerei aus der Öffnung und legte es behutsam zurück zu den anderen. Ihre Miene war ernst.

»Michael. Die Ahnen haben zu dir gesprochen.«

 

»Eine Geschichte?«

»Ja. Es ist Brauch, sich vor der Schlacht Geschichten zu erzählen.«

»Ich werde nicht in den Kampf ziehen, Luphia.«

»Doch, das wirst du. In den Kampf um das Überleben unseres Stammes.«

»Und wovon soll ich erzählen?«

»Von früher. Von dir und Vater.«

»Nun gut … Aber gib mir zuerst noch etwas von dem Pfeifenkraut, es ist köstlich. Und komm näher, die Nächte werden kühl.«

»Du riechst gut, Michael.«

»Ich sagte doch, das ist das Pfeifenkraut … Ja, hier, komm hierher. Hat dir dein Vater je von unserer Reise mit dem Goldenen Ed erzählt?«

»Ich kann mich nicht daran erinnern.«

»Nun, dann hat er das aus gutem Grund nicht getan. Der Goldene Ed war ein Schatzsucher, obwohl er sich selbst Wissenschaftler zu nennen beliebte. Klug, weltgewandt, der beste Bogenschütze, den ich je getroffen habe. Er war ein Gezeichneter, aber einer der glücklicheren, und er hatte in seinem Volk ein Gerücht gehört: Fünfzig Meilen von hier befinde sich eine verlassene Festung der Alten, in der sie Diamanten lagerten. Wir waren schon früher zusammen gereist, deshalb kam er zu Dwight und mir und bat uns um Hilfe. Wir waren jung und abenteuerlustig, also begleiteten wir ihn.

Wir hatten eine friedliche Reise, eine der friedlichsten, die ich je hatte. Binnen weniger Tage erreichten wir zu dritt die Festung, die in einer schattigen Klamm lag, umgeben von hohen, gesunden Tannen. Und zwischen diesen Tannen lauerte ein Wolf.«

»Einer der El’Suntur?«

»Oh nein. Kein lebender Wolf. Er war ein Ungeheuer, das die Alten geschaffen hatten, mit einer Haut aus Stahl. Aus seinem Rachen züngelten Flammen. Übermütig wie wir waren, stürzten wir uns sogleich in den Kampf und hätten wahrscheinlich alle den Tod gefunden, wenn der Wolf nicht so alt gewesen wäre. Eines seiner Beine war lahm und verrostet, deshalb verfehlten und seine Angriffe immer wieder. Ich setzte die Gaben des Schweigenden ein, um ihn noch weiter zu verlangsamen, und da gelang es deinem Vater, ihm einen Speer mitten ins Maul zu stossen. Die Bestie spuckte schwarzen Rauch und brach schliesslich vor uns zusammen.

Ja, komm ruhig näher, Luphia.

Nun glaubten wir, der Weg sei frei, und betraten die Festung. Wie wir schnell feststellten, lag ihr grösster Teil unter der Erde – wir konnten nur erahnen, wie gross. Der Goldene Ed führte uns, er hatte einen siebten Sinn, wenn es um Reichtümer geht. Bald gelangten wir zu einem gläsernen Tor, hinter dem wir im Fackellicht tatsächlich Diamanten glitzern sahen. Es waren mehr, als wir uns jemals hätten vorstellen können.

Das Tor hatte keinen Riegel und kein Schlüsselloch, dafür aber eine Inschrift, die ich mit grosser Mühe entziffern konnte. Es war eine Warnung, die von einem Schutzbann der Alten sprach.

’Worauf warten wir’, sagte Ed, ’es ist doch nur Glas!’ Er hatte einen grossen Stein gefunden und wollte damit die Tür einschlagen. Ich zeigte ihm die Warnung, und dein Vater stimmte zu, dass es zu gefährlich war. Doch Ed wollte nicht hören – sein Herz hatte schon immer für alles geschlagen, was glänzte. Er rief, wir sollten doch zurückgehen wenn wir Angst hatten, er würde sich nur freuen, dass umso mehr von der Beute für ihn übrig bliebe.

Das taten wir, und Dwight rang ihm das Versprechen ab, zwei volle Stunden mit dem Einschlagen der Tür zu warten. Das reichte, um aus dem Tal heraus zu kommen, wenn wir uns nur beeilten. Dem Herrn sei Dank!«

»Was ist geschehen?«

»Es gab eine Explosion. Der Himmel brannte feuerrot. Aus allen Toren der Festung drangen Flammen, die sogleich auf die Bäume übergriffen. Selbst am anderen Ende des Tals konnten wir die Hitze noch spüren.

Natürlich haben wir den Goldenen Ed nie wiedergesehen. Er hat das Ende gefunden, das er verdiente. Aber die Diamanten, glaube ich, liegen immer noch dort und warten auf den nächsten, der dumm genug ist, sie sich nehmen zu wollen.«

»Keine glückliche Geschichte. Das bringt Unglück vor dem Kampf.«

»Geschichten, in denen die Alten vorkommen, gehen niemals glücklich aus, Luphia.«

»Du hast recht. Und dennoch …

Michael?«

»Ja?«

»Wärmst du mich heute Nacht?«

»Würde das Glück oder Unglück bringen?«

»Glück. Du kannst es brauchen.«

 

Er liess sein Pferd bei den Wolfsmenschen, nachdem er ihm lange ruhig zugeredet und es einen Strassenzug vom Hauptquartier des Stammes angebunden hatte. Das Tier scheute vor den Gestaltwandlern, doch hier war es am sichersten aufgehoben. Weiter im Innern der Stadt würde es nur als Köder für seinen eigenen Tod dienen.

Um der Unauffälligkeit willen verzichtete Michael auch auf einen Geleitschutz der Wolfsmenschen. Er kannte die Gefahren der Stadt besser als jeder ihrer Krieger. Alles, was er brauchte, waren sein Schwert und der Silberstern des Schweigenden.

Auf den Strassen passierte er die Skelette alter Häuser – manche ausgebrannt, manche in sich zusammengestürzt, manche noch nach Jahrhunderten aufragend wie Trutzburgen gegen die Zeit selbst. Zwischen ihnen lagen Knochen – die Knochen von Rehen, Füchsen und degenerierten Schweinen, aber auch die von Gezeichneten, von Wolfsmenschen und gelegentlich die metallenen Knochen aus der Zeit der Alten. Sie waren von Rost zerfressen, von Schlingpflanzen überwuchert und dienten Tieren als Brutstätten, doch noch immer liessen sie die Konturen der Geschöpfe erahnen, zu denen sie einst gehört hatten: Käfer, gross wie Häuser und mit Rädern statt Beinen, Arachnoiden und Kreaturen, die keinem lebenden Wesen ähnelten. An diesem Morgen waren sie alle von Raureif überzogen, der jedoch nicht lange andauern würde. Noch hatte die Sonne ihre Kraft nicht verloren.

Nachdem er etwa zwei Meilen gegangen war und die Türme sich vor ihm so hoch erhoben, dass er den Kopf weit in den Nacken legen musste, um ihre Spitzen zu sehen, hörte Michael ein Zischen aus einer Seitenstrasse.

Seine Bewegungen gefroren augenblicklich. Wie in Zeitlupe wanderte seine rechte Hand zum Schwertgriff, die Linke an seinen Hals. Er kannte das Geräusch.

Ein Schatten löste sich von der Hauswand. Mit trügerischer Behäbigkeit trat eine Gestalt ins Licht der Morgensonne, im Vergleich zu der ein Gezeichneter schön gewirkt hätte:

Sie erinnerte entfernt an eine Menschenfrau – an eine sehr alte, sehr bucklige Frau, deren deformierte Brüste bis zu den Knien hingen. Ihre Arme reichten noch tiefer herab, sodass die klauenartigen Nägel über den Boden schleiften. Blasen und Geschwüre überzogen die dunkelgraue Haut. Der Kopf, ebenfalls entfernt humanoid, aber mit zu vielen Augen, schien in der Mitte gespalten. Was ein unaufmerksamer Betrachter für die Folgen eines Schwerthiebs halten mochte, offenbarte sich jemandem, der die Selbstbeherrschung aufbrachte, es genauer in Augenschein zu nehmen, als riesiges, mit schiefen Fangzähnen bewehrtes Maul, das vom Scheitel bis zum Kehlkopf der Kreatur verlief.

Eine Jaga.

Michael hatte das zweifelhafte Vergnügen bereits auf früheren Reisen gehabt. Er wusste, dass diese Ungeheuer fast blind waren und deshalb nur auf hektische Bewegungen aufmerksam wurden – doch anscheinend hatte ihn dieses bereits erspäht, bevor er mitten auf der Strasse erstarrt war.

Wieder zischte das Ungeheuer. Es kam langsam auf Michael zu, seine Bewegungen von einer fast hypnotischen Trägheit. Die beiden Hälften des Kopfes klappten leicht auseinander.

Jetzt, wo kein Weg mehr an einem Kampf vorbeiführen konnte, reagierte Michael schnell wie ein Schatten: Er machte einen Satz zurück, der ihn ausser Reichweite der überlangen Arme brachte, riss sein Schwert aus der Scheide und zog gleichzeitig den Stern unter seinem Mantel hervor. Ein Gedanke nur, und das silberne Metall wurde eiskalt auf seiner Hand.

»Vi’sech n de!«, flüsterte er in einem fort, »vi’sech n de, vi’sech n de!«

Blaue Blitze züngelten aus dem Stern und krochen über seine Finger. Ein entsetzlicher Schmerz fuhr ihm den Arm hinauf bis in die Schulter, doch er unterdrückte einen Schrei und fuhr mit der Beschwörung fort: »vi’sech n de, vi’sech n de, vi’sech n de!«

Unter der faulenden Haut der Jaga spannten sich die Muskeln kaum merklich an. Sie war zum Sprung bereit.

Doch ehe einer der beiden zum Angriff übergehen konnte, ertönte über ihren Köpfen ein Rauschen. Drei Donnerschläge erschütterten die Strasse, und für einen Moment erglühte vor dem Ocker des Himmels eine grellweisse Flamme.

Plötzlich hatten die Bewegungen der Jaga alle Trägheit verloren. Sie warf die Arme über den Kopf und kreischte, wobei die beiden Hälften ihres Kopfes fast auf den Schultern zu liegen kamen. In ihrem Rücken waren drei Löcher aufgeklafft, aus denen Rinnsale dunkelroten Blutes sickerten. Sie taumelte auf Michael zu, doch ehe er reagieren konnte ertönte ein vierter Donnerschlag, und die linke Kopfhälfte des Ungeheuers zerbarst in tausend Fetzen.

Die Jaga stiess einen Seufzer aus, der fast menschlich klang und fiel hintenüber in den Staub der Strasse.

Erst jetzt sah Michael nach oben, ohne freilich das Schwert zu senken.

Über seinem Kopf schwebte ein hagerer, fahlgesichtiger Mann in dunkler Lederkleidung. Er trug ein Konstrukt auf den Rücken geschnallt, das wie zwei Flügel aus Metall aussah. Helle, handlange Flammen strömten aus der Unterseite.

Langsam schwebte der Mann zu ihm hinunter. Als er näher kam, konnte Michael in seiner Hand einen dunklen Gegenstand erkennen, den er schon früher einmal gesehen hatte: auf Gemälden im Heiligtum seines Ordens. Shin-gun hatte man diese Waffe der Alten genannt, oder Donnerstab.

»Wer auch immer Ihr seid, ich danke Euch für Eure Hilfe«, sagte Michael und deutete eine Verbeugung an. Noch immer hatte er das Schwert nicht zurück in die Scheide gesteckt.

»Du befindest dich im Reich von Apherion, Fremder. Hier ist es allein an ihm, über Leben und Tod zu entscheiden.«

»Umso mehr danke ich, dass er sich für mein Leben entschieden hat.« Eine Pause entstand, während der Geflügelte ungerührt auf der Stelle schwebte. Erst jetzt erkannte Michael, dass sein Gesicht von einem Netz hellblauer Äderchen überzogen war, kaum mehr als Schattenspiele unter der blassen Haut. »Mein Name ist Michael de l’Ange. Ich bin hier, um eine Unterredung mit Apherion zu erbitten.«

»Dein Glück, Fremder, dass der Herr dieses Reiches dich hat kommen sehen. Auch er wünscht mit dir zu sprechen.« Mit einem leisen Zischen erloschen die Flammen. Der Geflügelte fiel die letzten zwei Meter bis zum Boden, setzte federnd auf und taxierte Michael mit dem Blick eines erfahrenen Raubtiers. »Geh voran. Ich werde dich zu ihm bringen.«

 

Der Alte, der sich Apherion nannte, residierte nicht im höchsten der Türme, sondern in dem, der die Jahrhunderte im besten Zustand überdauert hatte.

Die gesamten Aussenwände bestanden aus verspiegeltem Glas, von dem keine einzige Scheibe eingeschlagen war oder auch nur einen Riss aufwies. Vor zwei riesigen, ebenfalls gläsernen Türflügeln lag ein Vorplatz, dessen Asphalt nicht von einem einzigen Sprössling durchbrochen wurde. Sogar ein Brunnen mit fliessendem Wasser plätscherte in seiner Mitte. Michael zweifelte nicht daran, dass man davon bedenkenlos hätte trinken können.

Sogar ein halbes Dutzend eiserner Parkbänke stand um den Brunnen herum. Zwischen ihnen ragten zwei Laternen auf, deren gläserne Köpfe ein weiches, goldenes Licht absonderten, das sogar die Morgensonne blass wirken liess. Die Szenerie hatte etwas so Surreales und gleichzeitig Bezauberndes, dass Michael unwillkürlich aufseufzte.

Als die beiden den Platz betraten, glitten die Türflügel wie von Geisterhand auseinander. Der Geflügelte war einen Blick zum Himmel, dann sah er Michael eindringlich an.

»Apherion wünscht, mit dir alleine zu sprechen. Tritt ein und geh die Treppe auf der linken Seite hoch, immer die Treppe hoch. Wage es nicht, eine der Türen zu öffnen, an denen du vorbei kommst, es sei denn, sie werden dir geöffnet. Hast du verstanden?«

»Ich beuge mich dem Wunsch meines Gastgebers.«

»Ich hoffe um deinetwillen, dass du das tust.« Der Geflügelte streckte die Hand aus. »Dein Schwert.«

»Der Herr dieses Reiches fürchtet sich von einer Klinge aus gewöhnlichem Stahl?«

»Er fürchtet sich von keiner Macht, über die du gebieten könntest. Dennoch wäre es eine Beleidigung des Gastrechts, mit einer Waffe vor ihm zu erscheinen.«

Michael nickte und löste widerwillig den Schwertgurt. Er wusste ohnehin, dass seine Klinge gegen eine Waffe wie den Donnerstab des Geflügelten machtlos war. »Gebt gut darauf acht – es bedeutet mir viel.« Als er es aus der Hand gab und am Geflügelten vorbei zum Tor ging, spürte er das Gewicht des Sterns an seiner Halskette wie die Hand eines guten Freundes. Er war zwar kein Alter, aber noch war er nicht schutzlos.

Mit einer Mischung aus Ehrfurcht und brennender Neugier betrat Michael den gläsernen Turm.

 

Treppen. Eine Endlose Flucht von Treppen. Erst begannen Michaels Beine zu brennen, dann sein ganzer Körper. Er war es gewohnt, zu reisen, er konnte tagelang im Sattel sitzen, Tag und Nacht marschieren. Doch einen Aufstieg wie diesen hatte er zeitlebens noch nicht zurückgelegt.

Die Stufen führen ihn von Tür zu Tür zu Tür, die allesamt geschlossen blieben. Es gab keine Fenster, dafür jedoch Bilder an den Wänden, eines an jedem Treppenabsatz. Manche waren kleine Aquarelle, altes Papier in hölzernen Rahmen, andere Ölgemälde auf Leinwand bis hin zu riesigen Fresken, die Menschen, Engel und ganze Häuser in Lebensgrösse abbildeten. Michael hatte keines der Motive je gesehen. Sie waren so verschieden wie die Materialien, auf die sie aufgetragen waren: Da war ein Sternenhimmel über einer kleinen Stadt, alles durchdrungen von Tupfern und Spiralwirbeln. Da war ein König mit langem schwarzem Haar und goldenen Insignien seiner Herrschaft. Da war eine skizzierte Gestalt mit angstverzerrtem Gesicht. Da war eine Frau mit rätselhaftem Lächeln, da waren bärtige Männer beim Mahl, da war ein abstraktes Muster aus Händen, Köpfen und bunten Rechtecken. Da war ein Trichter in der Erde, bevölkert von Myriaden in Agonie erstarrter Menschen. Da waren viele Gesichter einer Frau, alle in verschiedenen Farben. Und auf dem obersten Treppenansatz war ein Bild, das drei Gegenstände aufgereiht auf einem Tisch zeigte: eine Blume, einen Schädel und ein Stundenglas.

 

Michael konnte nur erahnen, wie hoch über dem Erdboden er war, als die oberste Tür des Treppenhauses sich für ihn öffnete. Sie war ungleich kleiner als das gläserne Eingangsportal und schien mit sandfarbenem Holz getäfelt, doch allein wegen ihrer Dicke vermutete er, dass sich darunter ein viel massiverer Kern verbarg.

Sonnenlicht flutete durch die offene Tür. Nach dem langen Aufstieg im fensterlosen Treppenhaus fühlte es sich an wie die Berührung einer Geliebten auf seiner Haut.

Doch da war nicht nur Licht. Da war auch Musik … Eine Art von Musik, die er bisher nur an den Messen seines alten Ordens gehört hatte: Die Musik eines Klaviers.

Verwundert schritt Michael durch die Tür und blieb im nächsten Moment wie zu Stein erstarrt stehen.

Er befand sich in einem riesigen, lichtdurchfluteten Raum, der durch geschickt platzierte Leinwände und Bücherregale in zahlreiche geschützte Parzellen unterteilt war. Der Raum schien sich auf die gesamte Fläche des Turmes zu erstrecken und hatte keine eigentlichen Wände, sondern Glasfenster, die vom Boden bis zur Decke reichten. Das nächste davon befand sich keine vier Meter von Michael entfernt. Der Ausblick raubte ihm den Atem.

Die Rostige lag so weit unter ihm, dass es ihm war, als blicke er aus der Sonne selbst auf sie herab. Alleen, Plätze und Strassenfluchten waren nur Linien, die ein Kind mit einem Stöckchen in den Sand gezeichnet hatte. Häuser, uralte Fabrikgebäude, die aus Bruchstein aufgetürmten Festungen von Gezeichneten, Schwarzlingen und Al-Theen waren Spielwürfel, verstreut über einen Tisch, den Michael mit der Hand hätte umstossen können. Das leere Flussbett, in dem er zur Stadt geritten war, war nur die Kerbe eines Schnitzmessers, die Brücken darüber filigrane Konstrukte aus Streichhölzern und Draht. Das mächtige Stauwehr östlich der Stadt war ein Biberdamm, und das Wasser dahinter ein stiller, indigoblau glimmender Teich.

»Es ist ein Geschenk, die Welt von oben zu betrachten«, sagte unvermittelt eine Stimme hinter ihm. Die Klaviermusik endete mit einem dissonanten Akkord, der lange in die sonnengeschwängerte Luft blutete. »Es hilft, sich die Relationen zu vergegenwärtigen. Es hilft zu begreifen wie zerbrechlich … Marmor, Stein und Eisen sind.« Ein trockenes Lachen.

Michael wandte sich um, eine Hand auf halbem Weg zum Stern an seinem Hals. In der Mitte des Raumes sass ein Mann an einem schwarz polierten Flügel. Er war klein – ein Eindruck, der im Sitzen noch verstärkt wurde. Sein Haar war schütter, aber dunkel ohne eine Strähne von Grau. Gekleidet war er in einen makellos schwarzen Anzug – ein weiteres Relikt, das Michael nur von Bildern kannte. Sein Lächeln war warm, sogar herzlich, doch sein Blicks so durchdringend, dass Michael ein kalter Schauer über den Rücken lief.

»Mein Name ist Michael de l’Ange«, stellte er sich verneigte sich, diesmal nicht nur angedeutet. »Ich bedanke mich für die Ehre, in Euer Reich vorgelassen worden zu sein und die Gnade einer Audienz zu erfahren.«

»Zieh dein Hemd aus.«

»Euer Gnaden?«

»Euer Gnaden?« Der Mann verzog das Gesicht. »Lass diese antiquierten Floskeln, ich komme mir vor wie in einem schlecht geschriebenen Roman. Wenn ich als Gottkönig mit dir sprechen wollte, wäre ich mit Blitz und Donner vor dich getreten.

Zieh dein Hemd aus.«

Michael unterdrückte seine Verwirrung. Jeder der Alten, denen er auf seinen Reisen begegnet war, hatte gewisse Eigenarten gehabt, mit denen es sich abzufinden galt.

Er streifte sein Obergewand, das er am Vorabend gewaschen hatte und dem dennoch die Hunderten von Meilen deutlich anzusehen waren, auf denen es ihn begleitet hatte, über den Kopf. Der Alte hob eine Augenbraue, als der Silberstern darunter zum Vorschein kam, doch tatsächlich schien sein Interesse etwas anderem zu gelten. Er musterte Michaels Oberkörper lange und eindringlich, ganz wie ein Stück Vieh auf dem Markt. Dann nickte er starr.

»Du bist ein Mensch.«

»Ich halte mich jedenfalls für einen.«

»Ein Mensch und ein Agnostiker – das gefällt mir. Woher kommst du?«

»Aus einer Stadt am nördlichen Meer. Kleiner als diese, aber … reiner.«

»Reiner!«, spie der Alte aus. Für einen Augenblick waren seine Züge vor Abscheu verzerrt. Dann fing er sich, und sein Lächeln wurde wieder warm. Er trat zu einem kleinen Schränkchen aus geöltem Holz, auf dem ein Strauss Lilien in voller Blüte in einer Vase stand.

»Darf ich dir etwas zu trinken anbieten? Einen Schluck Nostalgie aus der Flasche? Whiskey, gute alte Cola … Wein?« Diesmal musste Michael die Verwunderung anzusehen sein, denn der Alte bleckte die Zähne. »Natürlich nichts von dem Gift, das sie den kontaminierten Böden im Süden abringen. Ich baue ihn selbst an – hier, auf der Spitze dieses Turmes.« Ohne eine Erwiderung abzuwarten, nahm er zwei Kristallkelche und eine Flasche aus dunklem Glas aus dem Schränkchen. Er goss einen Schluck dunkelroter Flüssigkeit in einen davon, schwenkte sie hin und her, nippte daran und schloss genüsslich die Augen. Dann füllte er beide Kelche bis zum Rand.

»Michael de l’Ange.« Er liess sich den Namen auf der Zunge zergehen wie zuvor den Traubensaft. »Ein Mensch, zumindest dem Äusseren nach ohne Mutationen oder Anzeichen genetischen Zerfalls. Lass mich sehen, wie es um deine Eloquenz steht und erweise mir die Freude eines Gesprächs.

Wenn du dazu einen Namen für mich brauchst: Ich bin Apherion.«

 

»Was siehst du dort unten, Michael?«

»Ich sehe Ruinen.«

»Ruinen wovon?«

»Ruinen einer früheren Zeit. Ruinen einstiger Grösse … und dazwischen neues Leben.«

»Du nennst das Leben? Gezeichnete, die sich in rotem Wasser suhlen und sich gegenseitig auffressen als Opfer für ihre Götzen? Die Jaga, die dir auf dem Weg hierher begegnet ist? Wärst du selbst nicht so interessant, hätte ich viel darum gegeben zu sehen, was von deinem Leben nach dieser Begegnung noch übrig geblieben wäre.«

»Es war nicht meine erste Begegnung mit einer Jaga, und es wäre auch nicht meine letzte gewesen, selbst ohne die Hilfe Eures … Torwächters.«

»Soll ich dir sagen, was ich sehe, Michael? Soll ich dir meine Augen leihen, so gut ich das verbal vermag?

Ich sehe einen Friedhof. Ich sehe ein Schlachtfeld, den Morgen nach Armageddon, wenn sich Rauch und Nebelschleier lichten und das Grauen einer toten Welt preisgeben. Ich sehe einen Teich, auf dessen Oberfläche sich rot die verlöschende Sonne spiegelt. Ich sehe es jeden Morgen, wenn ich hier in diesem Raum erwache. Ich sehe es jeden Mittag, wenn ich am Fenster speise. Ich sehe es jeden Abend, bis die Sonne untergeht und es zu dunkel wird, um noch irgendetwas zu sehen.«

»Die Gnade der Nacht – ein Schleier der Stille – oh verbirg meine Tränen, verbirg meine Freud’ – in seidenen Laken zum Schweigen gebracht.«

»Ein Poet? Oder nur ein weiterer Zyniker?«

»Ich habe nie einen Poeten gekannt, der kein Zyniker war, allerdings viele Zyniker, die keinen Sinn für Poesie hatten.«

»Aber du hast Poeten gekannt. Das ist selten in dieser Welt.

Da unten sehe ich keine Poesie. Poesie liegt in Grösse und glorreichem Untergang, in Sehnsucht, Glanz und Finsternis. Da unten gibt es nichts mehr von all dem. Die alte Welt war Poesie, und Armageddon war Poesie und Zynismus in Vollendung. Jetzt ist da nur noch Rost, Hunger und faules Fleisch.«

»Das mag so scheinen … Wenn man die Welt nur von hier oben sieht. Man sieht nur die Ruinen und manchmal die Feuer, wenn Gezeichnete ihre Opfergaben verbrennen.

Wenn man aber dort unten durch die Strassen geht, trifft man nicht nur Gezeichnete und Jagas. Man trifft Wolfsmenschen, die lieben und singen und Geschichten erzählen. Man trifft Garudae, die farbige Perlenketten zu wunderschönen Tücher flechten. Man sieht Pflanzen, die blühen, ohne Gift in sich zu tragen. So sieht keine tote Welt aus.«

»Ich war in den Strassen. Ich bin Jahrzehnte lang durch sie gegangen, bis der Abscheu mich überwältigte und ich davon abliess. Ich sehe sie auch noch heute. Ich habe dich von dem Augenblick an beobachtet, als du unter der Brücke der Gezeichneten hindurchgeritten bist, Michael. Auf Schritt und Tritt bin ich dir gefolgt. Ich habe gehört, wie die junge Wolfsfrau in der Nacht geseufzt hat.

Von hier oben sehe ich jede Strasse der Stadt, jede Höhle und jedes Zimmer. Ich höre jedes Babyweinen und jeden Todesschrei. Meine Hand liegt am Herzen dieser Stadt. Tagaus, tagein spüre ich ihren abscheulichen. Kranken. Puls.

Weißt du, dass ich diese Stadt gebaut habe?«

»Ich habe etwas dergleichen erwartet.«

»Hast du Kinder, Michael?«

»Nein. Im Gegenteil, ich lebte lange Jahre im Zölibat.«

»Wie schade. Ich hätte gerne einem davon Blut abgenommen.

Ich habe Kinder. Du hast Adam getroffen – den, den du meinen Torwächter genannt hast. Nach was sieht er für dich aus?

Sprich schon, und sprich ehrlich! Ich werde keinen Anstoss daran nehmen, schliesslich habe ich selber Augen, um das Offensichtliche zu sehen.«

»Er sieht für mich nach einem überaus gesunden Gezeichneten aus, den jemand mit überaus mächtigen Waffen beschenkt hat.«

»Du hast die Adern also bemerkt. Adam ist jetzt vierundzwanzig. Er wird seinen dreissigsten Geburtstag nicht mehr erleben – die Adern werden platzen und sein Gesicht verformen, und dann werde ich den Selbstzerstörungsmechanismus dieser überaus mächtigen Waffen auslösen und dem Trauerspiel ein Ende bereiten.

Er ist mein dreiundsechzigstes Kind. Eines von sieben, die überhaupt älter als zwanzig geworden sind.

Noch etwas Wein, Michael? Bitte, ich bestehe darauf. Und dann möchte ich dir etwas zeigen.«

 

Apherion führte ihn durch den stilvoll möblierten Raum, wobei Michael bei jedem Schritt neue Artefakte erblickte: In einer Nische stand ein Plattenspieler, daneben ein mannshoher Stapel Hüllen aus schwarzer Folie. Ein einer gläsernen Vitrine stand eine Maske in der Form eines bärtigen Männergesichts, allem Anschein nach aus purem Gold. Etwas weiter entfernt war ein Becken in den Boden eingelassen, das mit genug Wasser gefüllt werden konnte, um den Durst eines Stammes von Wolfsmenschen für ein ganzes Jahr zu stillen.

Schliesslich erreichten sie eine getäfelte Plattform, halb verborgen zwischen Bücherregalen. Apherion stieg hinauf und bedeutete Michael, sich neben ihn zu stellen. Dann rief er einen Befehl in einer ihm unbekannten Sprache.

Ohne einen Laut erhob sich die Plattform in die Luft. Im selben Augenblick glitt die Decke über ihnen zur Seite, sodass sie wie auf einer Wolke stehend hindurch schweben konnten.

Plötzlich befanden sie sich unter einer gewaltigen Glaskuppel, durch die Michael den ockerfarbenen Himmel sah. Es war warm, aber alles andere als stickig – vielmehr herrschte die Art von Wärme, bei der man das Bedürfnis verspürte, sich für den Rest seines Lebens im Freien aufzuhalten, wenn nur genügend kalte Getränke vorhanden waren.

Viel faszinierender als die Kuppel jedoch war das Grün.

Nie im Leben hatte Michael so viele Pflanzen an einem Ort gesehen, nicht einmal in den Tempelgärten des Schweigenden. Rund um die Stelle, an der die Plattform durch den Fussboden geschwebt war, wuchsen Rosensträucher, die kaum fähig schienen, das Gewicht der weissen, gelben und scharlachroten Blüten zu tragen. Süss und betörend hing ihr Duft in der Luft. Weiter entfernt erkannte Michael Schwertlilien, Tulpen und bunten Flieder, Wein, Pfefferminze, Sonnenblumen und roten Mohn, purpurrote Orchideen, Silberdisteln, Nelken und unzählige andere Blumen in allen Farben des Regenbogens. Über ihnen streckten Apfel-, Aprikosen und Nussbäume ihre mit Früchten vollbeladenen Äste. Eine Fontäne sprühte in einem künstlichen Teich am Rand der Kuppel, umschwommen von Wasserlilien, Seerosen und Schilfrohr. Genau im Zentrum des Gartens stand eine uralte Eibe, deren Krone sich, während Michael hinsah, leicht in einer Brise ohne erkenntlichen Ursprung neigte.

Apherion stieg von der Plattform auf einen mit weissem Kies bestreuten Weg.

»Kannst du dir vorstellen, dass einst die ganze Welt so aussah?« Als auch Michael die Plattform verlassen hatte, versank sie wieder im Boden. Ein Mosaik aus Halbedelsteinen schloss sich über ihr, das ein ihm unbekanntes Wappen zeigte.

»Jeder Stadt hatte einen solchen Garten, in dem die Menschen lustwandelten, wenn sie nichts anderes mit ihrer Zeit zu tun wussten. Menschen, Michael, wie du und ich! Keine Mutanten, keine Krüppel mit mehr Karzinomen als gesundem Fleisch. Und keine … Märchengeschöpfe.«

»Märchengeschöpfe?« Staunend folgte Michael dem alten den Weg entlang in Richtung der Eibe. Sein wieder aufgefülltes Weinglas hielt er noch immer in der Hand, ohne einen Schluck getrunken zu haben.

»Wolfs- und Vogelmenschen, Wisperalbe, Jagas, Nachtläufer und ähnliche Blasphemien gegen die Gesetze der Natur. Sie sind alle nicht von dieser Welt. Sie sind Parasiten, die sich auf einem noch nicht erkalteten Kadaver einnisten.

Und doch sind sie gewissermassen Produkte menschlicher Arroganz. Weißt du, wie sie in diese Welt gekommen sind?«

»… und der Herr sah, dass die Menschen selbstgerecht geworden waren. Er zürnte ihrer Arroganz, mit der sie hundertmal Babel und hundertmal Babylon auf dem Antlitz der Erde errichteten hatten. Und er sandte den Schweigenden, sie zu richten«, zitierte Michael mit erhobenen Brauen. »Und der Schweigende warnte die Menschheit mit hundert Zeichen, doch sie wollten nicht hören. So nahm er einen Hammer von fünf Spannen Länge und einen Meissel von drei, und er schlug damit einen Spalt in die Tore der Hölle, auf dass ihre Schrecken ihr entweichen und sich unter die Menschen mischen sollten.

Ich nehme an, es ist nicht diese Geschichte, nach der Ihr fragt?«

»Kirchengeschichten … Als diese Welt noch lebte, war ich ein erklärter Feind der Kirche. Man nannte mich Wissenschaftler, und jeden, der mir solche Folklore ins Gesicht zu sagen gewagt hätte, hätte ich für den Rest meines Lebens verachtet. Doch die Zeiten ändern sich, und ich muss eingestehen, dass dieser Geschichte zumindest ein Kern Wahrheit innewohnt.« Er lächelte bitter. »Es werde Licht!«

Mit einem Schlag war der Himmel über ihnen verschwunden. Stattdessen ragten jetzt Türme um sie herum auf – dieselben Türme, zwischen die Michael vor kurzem getreten war, aber neu und unversehrt, und trotz ihrer verspiegelten Glaswände pulsierend vor Leben. Menschen gingen zwischen ihnen, Menschen in fremdartiger Kleidung, mit fremdartigen Bewegungen und zarten Gesichter, die weder Hunger noch die Mittagssonne kannten.

Michael fühlte schon Panik in sich aufsteigen, als er begriff, was er hier vor sich hatte: Das war nichts anderes als der Projektor in der Halle der Ahnen – nur um ein Vielfaches grösser.

»Lass mich dir eine Geschichte erzählen.« Apherion bleckte die Zähne. »Es ist Brauch, sich vor der Schlacht Geschichten zu erzählen.«

 

»Wenn ich die Geschichte dieser Welt betrachte, sehe ich keinen linearen Anstieg oder Fall, wie die Kirche ihn einst lehrte. Ich sehe auch keinen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt, wie du ihn trotz deines Zynismus sehen willst. Ich sehe eine Parabel: ein kometenhafter Anstieg, eine kurzer, trügerisch stabiler Zenit. Dann ein immer schnellerer Fall, hinab und hinab bis zum Nullpunkt. Bis zum Tod.

Wenn ich je ein Wunder gesehen habe, dann ist es die menschliche Spezies. In ein paar wenigen Jahrtausenden haben wir uns von einer Gattung haarloser Affen zu sich ihrer selbst bewussten Wesen entwickelt, welche die Gefahren erkannten, mit denen diese Welt sie konfrontierte. Und daraufhin, innert einiger hundert Jahren, wurden aus diesen selbstbewussten Wesen Götter, die sich die Welt in all ihrer Perfidität unterwarfen. Cognito, ergo sum? Cognito, ergo deus sum!

Als ich geboren wurde, brachte jeder Tag neue Wunder hervor. Menschen umrundeten auf Spaziergängen den Erdball. Ihre … Kutschen waren schneller als jedes Pferd, und wenn sie flogen, überholten sie dabei den Schall. Krankheit, Verletzungen, Tod? Wir gaben Verwundeten neues Blut und neue Herzen, wir liessen Gliedmassen nachwachsen und hätten die Geschwüre jedes Gezeichneten binnen eines Jahres kuriert. Wir speisten Fleisch vom anderen Ende der Welt, wann immer es uns beliebte. Wir reisten zum Mond und streckten von dort aus bereits die Hand aus, um nach den Sternen zu greifen.

Kannst du dir das vorstellen? Nein, natürlich nicht. Du bist es gewohnt, zu hungern, zu leiden und zu sterben. An Götter glaubst du nur, wenn Priester dir davon erzählen.

Im Pantheon der alten Welt stieg ich zu einem der obersten auf. Ich liess diesen Turm errichten und die Stadt darum herum. Unter meiner Aufsicht arbeiteten einhunderttausend Menschen Tag und Nacht daran, unsere Macht zu erweitern. Wir hatten einem der letzten Feinde den Krieg erklärt, den die Menschheit noch kannte: dem Alter.

Und wir hatten Erfolg! Hast du von anderen Überlebenden meiner Zeit gehört? Gabriel Kreuzer, Echnaton, Walter O’Dim? Sie alle leben von meiner Gnade. Ich bin es, der die Zeit für sie alle angehalten hat und die Menschen endgültig zu Göttern machte. Jedenfalls einige Auserwählte.

Manchmal höre ich, die Welt von einst sei getötet worden – von Gott oder der Natur, die ihrer Vorherrschaft leid war. Lächerlich! Es gab nur eine Macht, die uns etwas anhaben konnte, und das waren wir selbst. Die Welt von einst beging Selbstmord.

Das einzige, wogegen unsere eigene Macht nicht ankam, war die Gier der Menschen. Viele wollten alles Glück für sich, wollten nicht auf ihren gerechten Anteil warten. Das Volk tötete sich gegenseitig in seinem Hunger nach den Errungenschaften derer, die sie sich verdient hatten. Und wenn das Volk sich in Blut suhlt, anstatt seine Pflichten zu erfüllen, dann bricht das ganze System zusammen. Dann müssen die Herrscher um ihr Überleben kämpfen.

Ich könnte dir lange von Staaten und Intrigen, von Bündnissen, Fehden und verlorenen Schlachten erzählen, doch das tut jetzt nichts zur Sache. Du sollst verstehen, kein Epos schreiben.

Kannst du dir einen Krieg vorstellen, in dem Götter mit göttlichen Waffen kämpfen?

Nein, kannst du nicht! Sieh doch: Städte, die vom Feuer verschlungen werden. Wolken aus Gift, der Himmel verfinstert von tausenden, zehntausenden Fliegern. Seuchen, im Reagenzglas dazu gezüchtet, ganze Ethnien auszurotten.

Ja, Armageddon. Deine Priester könnten kein schrecklicheres Bild davon zeichnen als die Wirklichkeit.

Jeder versuchte, den anderen mit dem Schrecken neuer Waffen zu übertrumpfen. Das Gift, das die Gezeichneten zu den Kreaturen macht, die sie sind, stammt aus dieser Zeit. Es war kalte Berechnung, von Feldherren ersonnen und von Wissenschaftlern wie mir umgesetzt.

Die Wolfsmenschen jedoch konnte niemand vorhersehen. Es gab Theorien, gewiss, kühne Beschreibungen von parallelen Dimensionen mit uns fremden Naturgesetzen, von einem Multiversum, in dem diese Welt nicht mehr als ein Staubkorn ist. Haben wir jemals daran geglaubt? Nein, wir hielten das für die Gedankenexperimente von gelangweilten Intellektuellen, während wir daran arbeiteten, mit immer grösseren und präziseren Bomben immer grössere und endgültigere Vernichtung zu säen.

Wir bauten eine Bombe, die schrecklicher war als alle bisherigen. Weißt du, wie wir sie nannten? St. Michael, nach dem Erzengel, der den Drachen erschlug. Sie sollte für uns den Drachen töten, unseren grössten Feind, nach dessen Vernichtung der Krieg zu Ende sein sollte.

Das tat sie, aber nicht nur das. Die Bombe zerstörte nicht nur Land und Menschen, verwandelte blühende Städte in Seen von Schlacke, sondern schuf einen Riss in etwas, das selbst wir Götter nicht verstanden. Die Tore der Hölle, wie du es genannt hast. Zu dem Zeitpunkt hatten wir uns gegenseitig bereits so sehr zugesetzt, dass wir nur hilflos zusehen konnten, wie Dinge in unsere Welt strömten, die allen Naturgesetzen trotzten. Dinge, die später zu deinen Wolfsmenschen und Gardudae wurden.

Blasphemie, ja … Aber die Götter waren gefallen und konnten sie nicht mehr ahnden. Wir konnten uns nur zurückziehen und den Kreaturen den Kadaver dieser Welt überlassen. Einen geschändeten, verbrannten, vergifteten Kadaver, über den sie nun kriechen wie die Maden.

Alles, was uns noch bleibt, ist die Nostalgie.«

 

Michael hatte gebannt die Erzählung des Alten verfolgt. Während er gesprochen hatte, hatten sich die Bilder auf dem Projektor immer wieder verändert: Hatten sie erst noch in einer prosperierenden, uralten Stadt gestanden, war da im nächsten Moment ein blauer Himmel – blau, nicht ockerfarben wie der, unter dem Michael sein Leben verbracht hatte –, durchkreuzt von riesigen Vögeln aus Stahl. Er hatte Blitze gesehen, himmelhohe Pilze aus schwarzem Feuer, Tod und gestaltlose Schatten, die einem Strudel aus Farben und unmögliche Formen entsprangen.

Er hatte die Welt der Alten gesehen. Doch jetzt, da Apherion verstummt war, verschwanden die Visionen. Die Kuppel über ihnen war wieder aus klarem Glas, über dem die Nachmittagssonne an einem Firmament aus Ocker hing.

Lange standen sie schweigend neben dem Stamm der Eibe.

Michael war der erste, der das Schweigen brach:

»Ich sehe, dass Ihr die Wolfsmenschen verabscheut, und ich glaube es sogar zu verstehen. Trotzdem bin ich hier, um euch für sie zu bitten. Wie Ihr wisst, hat mich der Stamm der El’Vaurr zu Euch geschickt, um als Unterhändler zu fungieren. Euer Sohn hat viele der Ihren umgebracht und ihren neuen Anführer gefangen genommen.«

»Das ist wahr. Es wird dich betrüben zu hören, dass er tot ist.«

»Tot?! Die Frist ist noch nicht abgelaufen – er war Eure Geisel!«

»Ich darf doch um ein bisschen mehr Pragmatismus bitten.

Ich bedaure, mich nicht an alle Formalitäten gehalten zu haben, doch am Ausgang dieses Konflikts wird sich dadurch nichts ändern. Die Wolfsmenschen werden meine Forderungen nicht bezahlen, vor allem nicht, wenn sie glauben, du seist bei den Unterhandlungen gescheitert. Sie werden in den Krieg ziehen, das ist ihre Natur. Ich werde mich verteidigen, oder vielmehr, Adam wird das für mich tun und ein Exempel statuieren. Die verbliebenen ziehen sich zurück, um ihre Wunden zu lecken, und verbreiten die Kunde unter den anderen Stämmen. Meine Macht ist gefestigt, meine Grenzen werden wieder respektiert, jeder kümmert sich um seine eigenen Angelegenheiten und keiner dieser Hybriden wagt es, nochmal unrechtmässig in meine Speicher einzudringen.

Siehst du meinen Standpunkt?«

»Ein Exempel? Ging es die ganze Zeit nur darum?«

»Natürlich! Dass die Wolfsmenschen dich hinzugezogen haben war eine unvorhergesehene Wendung, aber keineswegs eine unerfreuliche. Sie ändert nichts an den Umständen: Es geht mir nicht um ein paar lächerliche Felle, auch nicht um meine Rinder, die mir gestohlen wurden.

Du hast diesen Turm gesehen, Michael. Man möchte behaupten er lebt, selbst nach all den Jahrhunderten noch! Ich brauche nur einen Befehl zu erteilen, und dieser Garten giesst sich von selbst. Da unten gibt es Etagen, in denen von Maschinen Mais und Getreide angebaut wird, es gibt ganz hervorragendes Fleisch, das für mich in Reagenzgläsern wächst. Der Turm reinigt sich selbst vom Staub, er kann Wunden nähen und Alkohol destillieren. Wenn ich irgendetwas von da draussen begehre, sende ich Adam aus, um es mir zu holen. Ich brauche mich nicht auf Handel mit diesen Halbmenschen einzulassen.

Alles, was ich von ihnen will, ist Respekt. Sollen sie ihren Kadaver behalten und jeden einzelnen Knochen aussaugen! Doch dies hier ist mein Reich, dies ist das letzte Denkmal für die Grösse der Menschheit, und ich werde niemals zulassen, dass sie es beschmutzen.«

Michael sah sich in dem märchenhaften Garten um. »Ein Denkmal? Ein Grabmal?« Seine Stimme spitzte sich zu, wurde von einem Frosthauch zu einer Klinge aus Eis. »Von welcher Grösse kann ein Ort künden, an denen Versprechen nichts wert sind und Geiseln willkürlich umgebracht werden? Wenn dies die Ehrenhaftigkeit der alten Welt ist, dann hat sie es verdient, unterzugehen!«

»Ehre, Versprechen! Das sind Beziehungen von Mensch zu Mensch, so wie dies eine Welt der Menschen ist.

Ehre gegenüber Hybriden, Mutanten, Abnormitäten? Dass ich nicht lache!«

Michael schickte sich an, wieder auf den Pfad zu treten. »Ich wünsche zu gehen. Ich sehe, meine Zeit ist hier verschwendet. Das alles hier war mag schön anzusehen sein, und Eure Geschichte war erhellend, aber letztendlich seid Ihr nichts als ein besonders hartnäckiger Anachronismus.«

Apherion schüttelte fast widerwillig den Kopf. »Gehen? Nein. Ganz abgesehen von dem praktischen Grund, dass ich nicht zulassen kann, dass du dein Wissen über diesen Ort an die Wolfsmenschen weitergibst … Du gehörst hierher. Glaubst du, ich habe dich zu mir vorgelassen und dir von meiner Welt erzählt, um Verhandlungsgespräche zu führen?

Du bist hier, weil deine Haut frei von Geschwüren ist und du bestimmt schon dreissig Jahre gelebt hast, ohne dass die Adern in deinem Gesicht geplatzt sind! Wie alt bist du, Michael?«

»Das geht Euch nichts an.«

»Hattest du Geschwister? Gesunde, so wie du? Eine Schwester, die menstruiert hat, vielleicht sogar Kinder gebären konnte?«

»Ich wünsche zu gehen!« Michael stand mit dem Rücken zu Apherion, auf halbem weg zu dem Mosaik, das den Eingang zum Turm verschloss. Jede Faser seines Körpers war angespannt. Dass er immer noch den Weinkelch in der Hand hielt, merkte er erst, als er nach dem Stern an seinem Hals tasten wollte.

»Weißt du, was ich wünsche? Kein Gold, keine Felle, kein Fleisch oder sauberes Wasser wie all die Kreaturen da draussen. Ich wünsche mir einen Menschen, dessen Erbgut rein genug ist, um von meiner Hand die Unsterblichkeit zu empfangen.«

»Spricht aus euch der Wahnsinn, oder sind das nur die Träume eines verbitterten Greises?« Michael drehte sich um und sah, dass Apherion aus dem Innern seines Jacketts eine Waffe gezogen hatte – kleiner, aber von derselben Machart wie Adams Donnerstab.

»Du gehörst hierher zu mir, Michael! Wir sind Menschen, die Erben dieser Welt. Gemeinsam können wir sie von den Toten auferwecken!«

Michaels Finger schlossen sich um den Stern und zogen ihn aus seinem Mantelaufschlag. »Ich habe Euch lange zugehört, aber Ihr mich nicht. Deshalb seid Ihr gar nicht auf den Gedanken gekommen, dass mir diese Welt gefallen könnte, so wie sie ist.«

Er sprang zur Seite, als er sah, wie sich der Finger des Alten krümmte. Kein Donnerschlag ertönte, sondern nur ein abgehacktes Fauchen. Gleich darauf verwandelte etwas Kleines eine Distelblüte neben Michael in Fetzen.

Er schnellte los, war in Sekundenschnelle beim Mosaik. Die Rosenbüsche schenkten ihm Sichtschutz, wenn auch keine verlässliche Deckung. Er umklammerte den Silberstern.

»Vi’sech n de, vi’sech n de, vi’sech n de!« Apherions Schritte knirschen auf dem Kiesweg. Er schien keine Eile zu haben. »Vi’sech n de, vi’sech n de.« Die vertraute Kälte kroch Michaels Arm hoch. Sein Herzschlag beruhigte sich. »Vi’sech n de!« Blaue Blitze, Vibrationen aus dem Innern des Sterns. Aber auch Schritte, viel näher schon. »Vi’sech n de!«

Azurblaues Feuer erblühte um Michaels Hände. Es umhüllte das Adernetz aus Blitzen und loderte hoch empor – lautlos, kompromisslos, gnadenlos. Im einen Moment hatte er noch skandierend inmitten des Mosaiks gestanden, im nächsten war er umhüllt von einem Kokon aus kaltem Licht.

Es war keine Macht von dieser Welt, nein, aber es war Macht ohnegleichen. Die Macht des Schweigenden.

Mit einem letzten »vi’sech n de!« warf er sie gegen das Mosaik.

Apherion hatte ihn erreicht und abermals den Donnerstab auf ihn gerichtet, aber sein Angriff prallte wirkungslos von Michaels Kokon ab.

Risse frassen sich durch das Mosaik. Steinsplitter, manche länger als der Oberschenkel eines ausgewachsenen Mannes, wurden in die Luft gerissen und gleich blauen Kometen durch die Luft geschleudert.

Für die Dauer eines Lidschlags trafen sich Michaels und Apherions Blicke. Zum ersten Mal wirkte der Alte fassungslos. Er hielt den Donnerstab in der Hand, als habe er mit einem Mal dessen Sinn vergessen. Auf seinen Zügen stand nacktes Entsetzen.

Dann waren die Risse im Boden gross genug, dass Michael hindurch springen konnte. Der Raum darunter war hoch, mindestens viereinhalb Meter von der Decke bis zum Boden, doch der Kokon aus blauem Feuer schützte ihn auch beim Sprung und liess ihn federnd auf dem Parkett landen.

Ein Geräusch ertönte: ein Heulen, so laut und schrill, dass es die Grundfesten des Turmes zum Erzittern brachte. Im selben Augenblick ergoss sich ein eiskalter Sprühregen aus tausenden Düsen in der Decke. Michaels entglitt vor Überraschung die Kontrolle über seine Beschwörung. Der Stern entglitt seinen Fingern, und die Flammen des Kokons schossen nach oben davon, liessen ihn zitternd und mit tauben Händen zurück. Binnen Sekunden war er bis auf die Haut durchnässt.

Trotzdem begann er zu rennen – durch den riesigen Raum, vorbei an Bücherregalen, verschlossenen Schränken und dem Flügel. Seine Ohren dröhnten. Er musste all seine Selbstbeherrschung aufbieten, um ein Zittern zu unterdrücken. Gerade hatte er die immer noch offen stehende Tür zum Treppenhaus erreicht, als er von oben ein weiteres Geräusch hörte, das sogar das grauenhafte Heulen übertönte: das Splittern von Glas.

Auch im Treppenhaus regnete es. Michael musste seinen Lauf zwangsläufig verlangsamen, um nicht auf den Stufen auszurutschen und in den Tod zu stürzen. Der Silberstern pendelte an seiner Halskette. Jetzt, da die Trance gebrochen war, spürte er, wie sich sein Herzschlag wieder beschleunigte. Um Atem ringend stolperte er Treppe um Treppe hinab. Die Bilder an den Wänden waren auf einmal allesamt verschwunden.

 

Über dem Gläsernen Turm schwebte ein Todgeweihter. Er wusste nichts von seinem Schicksal, wusste nichts von den Kriegen der Alten, der erloschenen Pracht einer alten Welt, von Bomben, Dimensionsverschiebungen, Metaphysik und der Nostalgie der Verbliebenen. Sein Name war Adam, und alles, was er wusste, war, dass er geboren war, um seinem Vater zu dienen.

Als er die Kuppel des Turms in einem blau brennenden Gewittersturm bersten sah, flog er deshalb unverzüglich heran, um den Kampf oder wenn nötig die Verfolgung aufzunehmen. Doch er fand keinen Feind mehr, nur seinen Vater, der ihm bedeutete zu landen.

Er stand in der Mitte des Gartens, unter der Krone der uralten Eibe, und weinte.

Um ihn herum war der Boden weiss vor Scherben. Wie Kirschblüten lagen sie zwischen den Pflanzen und flüsterten ihnen Geschichten von Hitze, Gift und der Endgültigkeit des Todes zu. Alles, was von der Kuppel geblieben war, war ein vielerorts zerrissenes Netz aus haarfeinen Drähten.

Die Hände seines Vaters bluteten. Er hatte sie sich aufgeschnitten, als er eine einzelne Tulpe mitsamt Wurzeln ausgegraben hatte.

»Was ist geschehen?!«, fragte Adam mit bebender Stimme.

»Was geschehen musste. Nur ein Nachbeben … Nur ein paar eitle Hoffnungen, die sich nicht erfüllt haben.

Hilf mir, Adam. Hilf mir, so viele du kannst auszugraben und nach drinnen zu bringen. Hinunter, wo noch reine Luft ist.« Die Wurzeln der Tulpe tranken zu gleichen Teilen Tränen und Blut.

Der Todgeweihte liess die Waffe fallen, die bei den meisten Bewohnern dieser Welt als Donnerstab bekannt war, die er jedoch unter dem Namen Maschinengewehr bekommen hatte. Er sah sich hilflos um. Der Garten war riesig, er hatte nur seine zwei Hände.

Bereits begann der Wind aufzufrischen. Er wehte herab vom ockerfarbenen Himmel, heiss und trocken wie Sandpapier.

Auf ihren Lippen schmeckte der Wind nach Rost.

 

»Was meinst du damit – weg? Was ist geschehen, Michael?«

Die Nacht war hereingebrochen. Michael stand inmitten eines Rudels Wolfsmenschen, noch immer triefend nass und frierend. Luphia stand vor ihm, ein grosses Fell auf dem Arm, machte aber keine Anstalten, sie ihm anzubieten.

»Es war alles vergebens. Es tut mir leid … Ich habe Apherions Zorn nur noch mehr angefacht. Ein gottgleicher Zorn, auch wenn er selbst nur ein Mensch ist.«

»Die El’Vaurr sind noch nie vor einem Feind davongelaufen!«, knurrte ein Wolfsmann weiter hinten. In der Hand hielt er ein martialisch anmutendes Kriegsbeil. »Schon gar nicht vor einem Menschen. Wenn er Krieg will, soll er kommen!«

»Er ist schon einmal gekommen!« Michael hob die Stimme, obwohl es ihn Kraft kostete. »Vergessen die El’Vaurr wirklich so schnell? Er – nein, nicht einmal er, ein gewöhnlicher Handlanger – hat gegen euch gekämpft und euren Fürsten erschlagen. Blut wurde vergossen, ja, aber deshalb noch mehr Blut zu vergiessen wäre närrisch!

Ich habe gesehen, was er vermag«, sagte er leiser. Sein Blick fand den von Luphia. »Er kann euren ganzen Stamm mit einer Krümmung seines Fingers auslöschen. Und ich fürchte, dass er genau das tun wird, aus Rache, weil ich seinen … seinen Schatz zerstörte.«

»Ich sage, wir ziehen jetzt los und reissen ihm die Kehle auf, solange er noch beschäftigt ist!«, rief ein anderer Wolfsmann, diesmal ein Hüne mit keiner Waffe ausser seinen kindskopfgrossen Fäusten. »Schaffen wir uns dieses Übel vom Hals!«

Luphia fuhr herum und bleckte die Zähne. Obwohl ihr Gebiss das eines Menschen war, hätte die Geste nicht wölfischer sein können. »Du hast hier gar nichts zu sagen, Castor, Sohn des Castor. Ich bin es, die an meines Bruders statt über die El’Vaurr regiert.«

»Ein Weib kann nicht regieren«, entgegnete Castor unbeeindruckt. »Es sei denn die eigenen Welpen.«

Luphia fauchte und ging in die Knie. Auf ihrem Rücken begann Haar zu spriessen. Augenblicklich wich Castor zwei Schritte zurück und setzte ebenfalls zur Verwandlung an.

Michael war in Sekundenschnelle bei ihm und streckte den Wolfsmann mit einem Fausthieb nieder. Ein Knacken ertönte, Blut strömte aus der Nase, die bereits einige Zentimeter in die Länge gewachsen war.

Augenblicklich brach Tumult aus. Überall um hin herum bleckten Wolfsmenschen die Zähne, die Luft war erfüllt von Zischen und Knurren. Selbst Luphia sah ihn zornentbrannt an, doch Michael kümmerte es nicht. Seine Knöchel brannten, seine Kleidung klebte eiskalt an seiner Haut, sein Verstand rotierte gleichermassen um Angst und Verwirrung, die von der Erzählung des Alten herrührte.

Er nahm den Stern von seinem Hals und hielt ihn hoch in die Luft, sodass alle ihn sehen konnten. Trotz seiner Erschöpfung brachte er eine Aureole aus blauen Blitzen zustande. »Im Namen des Schweigenden, Ruhe

Die Wolfsmenschen verstummten, als habe man jedem einzelnen von ihnen die Kehle durchgeschnitten. Einige wichen erschrocken zurück, andere umklammerten ihre Waffen umso fester, doch auf allen Gesichtern standen Ehrfurcht und Angst.

»Dies ist die Macht, mit der ich Apherions Schatz zerstören konnte – und selbst das, so glaube ich, nur, weil ich ihn überrascht habe. Er wird über eure Pfeile lachen und eure Klauen und Zähne nicht einmal zur Kenntnis nehmen!

Wer unbedingt im Kampf gegen ihn den Tod finden will, der soll gehen, und zwar jetzt gleich. Aber ich werde nicht zulassen, dass ihr euch seinetwegen gegenseitig zerfleischt.

Ich werde die Stadt vor Morgengrauen verlassen. Wem sein Leben lieb ist soll mit mir kommen oder sich verstecken, bis der Sturm vorüber gezogen ist. Alle, die nicht auf mich hören wollen, haben sich ihr Schicksal selbst zuzuschreiben.« Er trat nahe an den niedergestreckten Wolf heran, der inzwischen wieder gänzlich Menschengestalt angenommen hatte und sich die blutige Nase hielt.

»Ja, ich fliehe vor ihm, denn ich bin klug genug, einen aussichtlosen Kampf zu erkennen. Ich fliehe vor ihm, trotz der Macht, über die ich gebiete.

Aber ich werde nicht zögern, sie dich spüren zu lassen.«

Der Wolfsmann wich vor dem ihm entgegen gereckten Silberstern zurück wie vor einem giftigen Tier.

»Ich frage euch, solange ich noch fragen kann: Wer kommt mit mir?«

 

Kein einziger kam mit ihm. Selbst Luphia, die ihn mit zwei weiteren Kriegern bis zum Stadtrand begleitete, lehnte sein Angebot mit Tränen in den Augen ab.

»Ich bin eine El’Vaurr. Mein Platz ist bei meinem Stamm, ob im Leben oder im Tod. Ich danke dir für deine Hilfe, Michael. Danke … dass du es versucht hast. Warte bis zum nächsten Jahr und kehre dann zurück. Wenn die El’Vaurr dann noch hier sind, wirst du ihre Dankbarkeit erfahren.« Sie lächelte zaghaft. »Gib nur den Wogen Zeit, sich ein wenig zu glätten.«

Michael nickte und nahm ihre Hand, als er versprach, in einem Jahr wiederzukommen. »Gebt auf euch … Der Herr stehe euch bei, Luphia.«

Ihr Lächeln wurde schief, und für einen Moment war es ihm, als sähe er unter diesem zarten Frauengesicht wieder die Züge ihres Vaters aus einer Zeit, in der sie noch jung gewesen waren. In der das Leben ein Spielzeug gewesen war – gut für eine Menge Abenteuer und Spass, doch was scherte es sie, wenn es einmal verloren gehen sollte? Es war schliesslich nur ein Spielzeug.

»Ich dachte, du seist kein Mitglied des Ordens mehr? Hättest deinen Glauben längst verloren?«

»Das mag sein. Aber wenn es etwas gibt, das euch jetzt noch helfen kann, ist es der Beistand eines Gottes.«

Ohne ein weiteres Wort trieb er sein Pferd an.

 

An diesem Morgen wartete kein Zöllner unter der Brücke. Hatten die Gezeichneten sich zurückgezogen, wie Tiere, die ein nahendes Unwetter witterten?

Die Gehängten pendelten sacht im auffrischenden Wind, einem Vorboten des nahenden Winters. Bald würden Eisen, Rost und Beton unter dem ersten Schnee verschwinden. Auch wenn dieser nicht lange liegen bleiben würde – Schnee lag niemals lange in dieser Welt, er war krank wie alles, das mit dem ockerfarbenen Himmel in Berührung kam – wären die Strassen doch ein wenig sauberer, wenn er wieder schmolz. Die Wiesen hätten neue Kraft, und vielleicht, nur vielleicht, wäre im Frühling wieder neues Leben möglich.

Hinter Michael lösten sich die Silhouetten der Türme langsam aus dem Violett des Nachthimmels, während vor ihm die aufgehende Sonne den Horizont zum Glühen brachte.

Rost, Krankheit, Tod … Das mochte sein. Das alles gab es zur Genüge in dieser Welt. Doch eines hatte Apherion nicht verstanden: dass all dies ihrer Schönheit keinen Abbruch tun konnte. Es veränderte sie nur.

Vielleicht würde er es jetzt verstehen, wenn sein Garten verdorrte und er seinen Blick nicht mehr nur in die Vergangenheit richten konnte. Doch Michael glaubte nicht daran. Er hatte auf seinen Reisen genügend Alte getroffen, um zu lernen, dass Verständnis nicht zu ihren Wesenszügen gehörte. Viel eher würde Apherion seine Erde mit dem Blut der Wolfsmenschen wässern, aus ihrer Haut eine neue Kuppel aufspannen und dann abermals zu säen beginnen.

 

Michael kehrte nicht zurück in die Stadt, nicht nach einem Jahr und nicht nach Jahrzehnten. Er nannte sich nur noch Priester, weil er über die Macht des Silbersterns gebot. Totenmessen zu halten gehörte längst nicht mehr zu seinem Metier.

 

 

-Dezember 2015

 

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

w

Connecting to %s

WordPress.com.

Up ↑

%d bloggers like this: