Le Pavot Rouge

Der Tod sass auf der Rückbank, als sie ins Auto stieg.

Sie erschrak nicht. Warum eigentlich? Sah man in Filmen nicht immer Nahaufnahmen von schreckgeweiteten Augen, zu Entsetzensschreien aufgerissene Münder, auf die eilends eine Hand gepresst werden oder eine geladene Waffe gerichtet werden musste, gefolgt von dem hervorgepressten Befehl »Los, fahr! Und kein Mucks, sonst …«

Nun, sie erschrak nicht. Sie hatte den Tod nicht erwartet, gewiss nicht – am allerwenigsten auf der Rückbank ihres weissen Volvos, wo er mit übereinander geschlagenen Beinen sass, ein Lächeln ins bleiche Gesicht gehaucht. Aber sie erschrak nicht. Es war so selbstverständlich, ihn dort zu sehen, dass sie nicht einmal eine Augenbraue hob. Sie setzte sich, schloss die Tür hinter sich und startete den Motor.

»Es ist also soweit?«

»Ja, es ist so weit.«

Im Nachhinein hätte sie sich vielleicht gewundert, dass sie den Tod so selbstverständlich erkannt hatte. Wo waren all seine Insignien geblieben, die Markenzeichen, die ihn von einem durchschnittlichen Mittzwanziger unterschieden hätten? Er trug weder einen schwarzen Kapuzenumhang noch hielten seine Hände eine Sense, und sein Gesicht war kein Schädel, sondern das eines gewöhnlichen Mannes. Nun, etwas blass vielleicht, wie von jemandem, der prasselnde Kaminfeuer in Winternächten jederzeit dem Sonnenbaden in mediterranen Touristenhotspots vorzog. Aber sonst?

Sie betrachtete ihn versonnen im Rückspiegel, während sie vom Parkplatz fuhr und auf die Hauptstrasse einbog. Sein Haar war kurz und glatt, es schimmerte wie Marderfell. Nur über den Schläfen war es mit etwas Silber bestäubt. Ein Bartschatten lag auf seinem schmalen Gesicht. Seine Augen waren tiefblau, aber warm. In ihnen war das Lächeln deutlich zu erkennen, das seine Mundwinkel allerhöchstens kräuselte.

»Wohin soll ich fahren?« Ihr Herzschlag ging ruhig und kräftig, aber in ihrer Stimme klang ein Hauch von Nervosität mit.

»Wohin du wolltest. Warum solltest du deine Pläne wegen mir ändern?«

»Ich dachte …« Sie schluckte. »Nicht zum Friedhof?«

Sein Lachen war hell wie das eines Jungen. »Nein, woher denn! Lass dich von mir nicht davon abhalten, Michelle.«

»Zum See also?«

»Zum See.«

Für eine ganze Weile sprachen sie nicht. Neben dem Auto zogen Häuser vorbei, Strassen und Plätze voller Fussgänger mit Sonnenbrillen, die den ersten Sommernachmittag des Jahres genossen. Vor den Fenstern blühten Geranien. Das Thermometer auf dem Armaturenbrett zeigte fünfundzwanzig Grad Celsius an. Daneben das Datum: 28. Mai.

Schliesslich tippte er ihr auf die Schulter. »Hier, ich habe dir etwas mitgebracht.«

»Eine CD?«

»Leg sie ein.«

Während sie das Auto auf die Schnellstrasse steuerte, die weg von der Stadt und hinab zum Seeufer führte, schaltete sie die Musikanlage ein und nahm dem Tod die CD aus der Hand. Sie warf nur kurz aus den Augenwinkeln einen Blick darauf, doch das genügte, um sie nun doch in Überraschung zu versetzen: Es war eine selbstgebrannte CD-Rom, wie sie selbst in ihrem Leben dutzende an Freundinnen weitergegeben oder von ihnen bekommen hatte. Doch über die milchweisse Oberfläche mit dem Firmenlogo des Rohlingherstellers war mit dünnem schwarzem Filzstift ein Bild gezeichnet: ein Portrait von ihr, wie sie in ihren Teenagerjahren ausgesehen hatte, mit kurzem schwarzem Haar und Piercings über den Augenbrauen.

»Hast du das gezeichnet?«

Wieder sein angedeutetes, fast schüchternes Lächeln. »Ja. Es ist allerdings schon einige Jahre her.«

Sie lachte leise. »Ja, zum Glück!« Ihre Haare hatten heute wieder ihren natürlichen, rotblonden Farbton, und die Piercings waren schon seit Jahren verschwunden. Nur noch das Tattoo auf ihrer Schulter – die Schlange mit den zwei Köpfen, die einer ihrer damaligen Freunde für sie gezeichnet hatte – zeugte noch von jener Zeit. Ja, das Tattoo … und die Narben.

Sie legte die CD ein. »Beobachtest du mich schon so lange?«

»Von Anfang an«, antwortete der Tod. »Es ist meine Aufgabe.«

Sie hatte eigentlich eine weitere Frage stellen wollen, doch die blieb ihr in der Kehle stecken, als die ersten Takte der Musik aus den Lautsprechern drangen. Sie kannte dieses Lied! Dieses Klavier, düster und kaum merklich verstimmt, wie es damals gewesen war, als …

 

… ihre Mutter spielte. Es war ein Juniabend, und das Licht, das durch die offene Balkontüre brandete, hatte die Farbe von poliertem Kupfer. Es brach sich in dem gläsernen Windspiel, das über der Tür hing, und tanzte in allen Farben des Regenbogens über die Wände. Michelle lachte. Immer wieder streckte sie die kleine Hand nach einem der huschenden Lichtpunkte aus – ganz, wie es die graue Katze auch getan hätte, die manchmal morgens auf dem Balkon sass und um ein Schälchen Milch bettelte.

»Das ist schön, Mama! Aber so traurig.«

Michelles Mutter lächelte und blätterte mit einer Hand die Noten um, während ihre andere weiter spielte. Sie trug einen grauen Pullover mit hohem Kragen. Damals dachte Michelle nur, ihre Mutter müsse wohl trotz der Jahreszeit kalt haben. Später sollte sie begreifen, dass der Kragen die Blutergüsse verbarg, ebenso wie die langen Ärmel.

»Das hat ein Deutscher komponiert«, erklärte ihre Mutter, während sie spielte. Michelle lachte hell, als ein Triller durch den Raum schwirrte. Sie liebte das! Es klang wie Perlen, die aus einer Schatztruhe geschüttet wurden und über den Boden kullerten. Weisse, blaue, rosarote Perlen … »Er hiess Felix. Das heisst eigentlich ‚der Glückliche’.« Wieder ein Triller. »Felix Mendelsohn. In diesem Lied geht es um Venedig.«

»Was ist Venedig?«

»Eine Stadt in Italien am Meer. Dort haben sie keine Strassen, nur Kanäle, auf denen sie mit Booten herumfahren.«

»Das klingt toll!« Michelle legte sich aufs Sofa und streckte die Beine in die Höhe. Einer ihrer Zehen ragte aus einem Loch in der Socke, was sie abermals zum Kichern brachte. »Wann kommt Papa wieder?«

»Morgen Abend, hat er gesagt. Falls – falls er nicht noch mit seinen Freunden ausgeht.«

»So bald schon?« Michelle verzog das Gesicht. »Er darf auch noch bleiben. Ich finde es schön, wenn nur wir beide hier sind.«

Ihre Mutter beendete das Stück und zupfte ihren Kragen zurecht. Ihre Miene wurde härter – wie das Kupfer in der Farbe des Sommerlichts. »Er kommt morgen Abend …

 

… nach Hause?«, fragte sie, als das erste Stück verklungen war. »Ich möchte Nico gerne noch einmal sehen. Nur sehen! Geht das?«

»Es tut mir leid.« Der Tod schüttelte den Kopf, und zum ersten Mal wirkte er unnahbar. »Damit ist es jetzt vorbei. Nico lebt, und er wird weiter leben. Du musst ihn zurücklassen.«

Sie bleckte die Zähne. »Was wäre, wenn ich jetzt das Auto wende? Wenn ich einfach umdrehe und nach Hause fahre …«

Wieder schüttelte er den Kopf. Ein Blick in seine tiefblauen Augen im Rückspiegel genügte, dass sie unverzüglich von dem Gedanken abliess.

»Also zum See.« Sie schluckte.

Aus den Lautsprechern erklang das zweite Stück von der CD. Auch dieses kannte sie, und wie sie es kannte! Lautlos bildeten ihre Lippen die Zeilen, die damals, vor einem ganzen Leben, von der ersten Schallplatte erklungen waren, die sie sich mit ihrem selbst gestohlenen Geld gekauft hatte:

 

»And please remember that I never lied

And please remember how I felt inside now, honey

You’ve gotta make it your own way

But you’ll be alright now, sugar

You’ll feel better tomorrow, in the morning light …«

 

Sie dachte an Sommer, in denen Tage und Nächte in einem einzigen Farbstrudel verschwammen. Sie dachte an Kippen, an den Geschmack von billigem Wein von der Tankstelle, an Wodka in Pappbechern und an Claude, der gerade erst Gitarre spielen lernte und seinem auf dem Flohmarkt erworbenen Instrument Töne zu entlocken versuchte, die an das Quieken eines angefahrenen Tiers erinnerten.

Das nächste Lied war von Nirvana, und die Erinnerungen wurden schier übermächtig. Der Tod schien das zu spüren und schwieg, bis sie von der Schnellstrasse und in ein Gewirr von verwinkelten Gässchen fuhr, das oberhalb der Promenade am See lag. Dann sprach er so unvermittelt, dass sie den Sinn seiner Worte erst gar nicht begriff:

»Nico wird es gut gehen. Ich habe ihn lange beobachtet. Er ist ein starker Junge, er wird sein Leben meistern.«

»Besser als ich?«

»So wie du.«

Sie schnaubte. »Warum bist du überhaupt hier? Warum setzt du dich zu mir, wo du doch bestimmt so viel Besseres zu tun hast? Ich meine, werden nicht gerade jetzt irgendwo in Afghanistan Leute erschossen, und verhungern nicht gerade jetzt irgendwelche Kinder in Afrika?«

»Natürlich.« Sie parkte das Auto in einer Seitenstrasse und schaltete die Musik aus. Der Tod stieg als erster aus. Er blieb im Schatten eines Vordachs stehen. »Aber das hält mich nicht davon ab, auch zu dir zu kommen.« Als sie etwas einwenden wollte, fuhr er fort: »Ihr Menschen habt euch daran gewöhnt, nur eine Sache auf einmal tun zu können. Vielleicht zwei, wenn ihr gut seid. Aber das gilt nur für euch.«

»Du meinst …«

»Du wirst es schon noch verstehen, Michelle. Komm, setzen wir uns ans Ufer.« Der Tod zog eine Sonnenbrille aus seiner Hosentasche – ein lächerlich hellgrünes Ding, wie man sie zu Spottpreisen an Souvenirständen unten am See erstehen konnte. Er zwinkerte und setzte sie sich auf die Nase.

Sie konnte nicht anders, auch sie musste lächeln. »Bist du wie ein Vampir? Zerfällst du zu Asche, wenn du ungeschützt in die Sonne gehst?«

Er breitete die Arme aus und trat aus dem Schatten ins Licht der Frühlingssonne. »Damit kann ich leider nicht dienen. Ich hätte aber durchaus als Fledermaus zu dir kommen können, um den Vampir zu spielen.«

»Vor zehn Jahren noch, da hätte ich dich dafür geliebt!«

»Du mochtest Vampire.«

Es war keine Frage, trotzdem antwortete sie. »Ja, ich mochte alles, was die anderen Leute erschreckte! Ich …

 

würde jetzt zu gern da hoch gehen und ihm einen Eimer Kunstblut ins Gesicht werfen, nur um zu sehen, ob er es ernst meint mit dieser Mucke!«

»Oh ja, seine Fresse müsste man sehen. Oder etwas anzünden, eine von diesen sauteuren Boxen, stell dir den Rauch vor«, pflichtete ihr Felix bei und trat unversehens einen Schritt näher an Michelle heran. Reflexartig machte sie einen Schritt von ihm weg, warf ihm einen schiefen Blick zu und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Bühne. Dass Felix mit ihr ins Bett wollte, wusste sie schon lange. Er konnte in ihrer Nähe kaum still stehen, und dass, obwohl er es seit einem Monat regelmässig mit Lucie trieb und sich vorgestern Nacht, als sie zugedröhnt mit der U-Bahn durch die Stadt gekreuzt waren, ihren Namen auf den Bauch hatte tätowieren lassen. Aber nein, Felix war nicht ihr Typ – zu gross, zu schlaksig, wahrscheinlich eine ganze Sammlung an Geschlechtskrankheiten in der Hose. Greifen Sie zu, junge Frau, bedienen sie sich, ich habe alles. Eigenhändig zusammengetragen, nur für Sie!

Es machte Spass, sich mit ihm zu besaufen oder Parolen an die Mauern von Polizeirevieren zu sprayen, aber das war’s. Tut mir ach so leid, Felix, aber da muss ich dich enttäuschen. Musst ihn wohl weiterhin bei Lucie wegstecken …

Claude hingegen, der mit seiner brandneuen Gibson LesPaul dort oben auf der Bühne stand, der war ein ganz anderes Kaliber. Er war gut geworden! Aus seinem trommellfellzerreissenden Geklimper von vor zwei Jahren war ein wirklich abgefahrenes Gitarrenspiel geworden, von seinem ganzen Rockstar-Charme drum herum ganz zu schweigen. Wie er da stand und in die Saiten hieb, während sein langes blondes Haar ihm schweissdurchtränkt ins Gesicht fiel, wie sich die Tattoos von Drachen, Totenköpfen und nackten Frauen auf seinen muskelbepackten Armen spannten …

Claude hatte es geschafft. Er hatte auf die Musik gesetzt und konnte heute als einziger von ihrer Clique seine Miete bezahlen. Seine Band sang von Zombies, von der Hölle und Anarchisten mit Kisten voll Dynamit. Und sie hatten ein Publikum gefunden, das sie dafür liebte. Hail Satan, fuck the system in the butt!

Nach jedem Song kreischte Claude ins Mikrofon, reckte die Faust empor und zog dann eine Line von seinem Gitarrenhals. Oder warf eine Pille ein. Oder beides. Sein Spiel wurde irrer und irrer, er raste auf der Bühne herum wie ein Besessener.

»Der Hammer!«, stöhnte Felix. Jemand aus der ersten Reihe, wahrscheinlich Guillaume – fat Gil, wie sie ihn nannten – reichte eine Whiskeyflasche auf die Bühne. Claude grinste, riss sie dem Bassisten aus der Hand, der sich gerade einen Schluck genehmigen wollte, und leerte einen Drittel hinunter wie Wasser. Er rülpste ins Mikrofon.

Johlen, Applaus.

Er setzte zum Sprechen an: »Fuck, Leute, dieser Abend, es ist, fuck, so geil, hier …«

Kreischen, noch mehr Applaus.

Dann fiel Claude vornüber. Sein Gesicht war blau. Im Nu hatten sich zwei Dutzend Leute um ihn versammelt. Einige schrien, einige weinten. Jemand trank eilig den Rest des Whiskeys. Aber einen Krankenwagen rief niemand. Es war …

 

… der letzte Tag, an dem sie sich so frei gefühlt hatte? Sie konnte sich nicht entsinnen, wann das gewesen war. Es musste Jahre her sein. Vielleicht hatte es so einen Tag noch gar nie gegeben.

Sie wusste nur, dass sie, als sie neben dem Tod hinab zur Promenade schlenderte, das Gefühl hatte, eine tonnenschwere Last sei von ihren Schultern gehoben worden. Es gab keine Sorgen. Sie musste nicht an die Zukunft denken, denn in dieser Welt gab es keine mehr. Kein Geld, keine Krankheit, keine Angst vor Einsamkeit und Versagen. Kein Morgen.

Sie war glücklich.

»Magst du etwas trinken?«, fragte der Tod.

»Gern.«

»Dann lass uns da hinein gehen.« Er zeigte auf ein Café zu ihrer Linken. Es war auf einem kleinen Pier gebaut. Zwischen noch zusammengeklappten Sonnenschirmen standen ein Dutzend kleiner Tische und doppelt so viele Stühle. Eine schmiedeeiserne Laterne hing neben einem filigranen Torbogen aus Gitterstäben, an denen bereits die ersten Weinreben knospten. Le Pavot Rouge lautete der Name.

»Das ist mir noch nie aufgefallen.«

»Die schönsten Dinge sind oft die, an denen man hundertmal ahnungslos vorbei geht.« Der Tod bot ihr einen Stuhl an und setzte sich anschliessend selbst.

Allmählich brach die Dämmerung herein. Das Sonnenlicht wurde weich und karamellfarben. Das Plätschern der Welle gegen die Kaimauer hatte etwas Betörendes. Es klang nach Küssen. Ein paar Häuser entfernt spielte ein Strassenmusiker Gitarre.

Auf dem Tisch zwischen ihnen stand eine Kerze. Sie war noch neu, der Docht weiss wie ein Brautschleier. Der Tod strich sanft mit dem Finger darüber, und plötzlich züngelte eine Flamme auf.

»Du solltest als Zauberkünstler arbeiten!«

»Das könnte ich wohl … Aber bisher hat mir der Beruf des Reiseführers immer besser gefallen.«

Bevor sie über diese Antwort nachdenken konnte, kam ein Kellner heran. Auch sein Hemd war schneeweiss, bestickt mit schwach schimmernden Lilien.

»Was darf ich dem jungen Paar offerieren?«

»Je ein Glas Cabernet Sauvignons«, sagte der Tod. »Und ein paar Pralinen, welche auch immer Sie empfehlen können.«

»Mit dem grössten Vergnügen.«

Sie zögerte. Seit elf Jahren hatte sie keinen Schluck Alkohol mehr getrunken. Aber warum? Weil sie sich vor dem Tod gefürchtet hatte, so wie sie in früheren Zeiten gegen die Angst vor dem Leben getrunken hatte. Jetzt musste sie keines von beidem mehr kümmern.

»Kannst du noch mehr solche Dinge?«, fragte sie stattdessen mit Blick auf die Kerze.

»Solche Zaubertricks?«

»Ist es denn Zauberei?«

»Vieles ist Zauberei, auch wenn es längst seine Magie verloren hat«, sagte der Tod versonnen. Er streckte den Zeigefinger aus und hielt ihn in die Kerzenflamme. Halb erwartete sie, dass er fluchen und ihn zurückreissen würde, doch natürlich geschah nichts dergleichen.

Stattdessen umfloss die Flamme seinen Finger wie die Strömung einen Felsen. Sie tanzte und züngelte höher, teilte sich … und breitete Flügel aus. Aus dem Feuer formte sich ein Schmetterling mit Augenmustern aus Weiss und Orange, mit Beinchen, die kaum mehr als Funken waren. Der Tod hob ihn empor, und das Insekt sass zahm auf seiner Hand.

Es waren noch andere Gäste im Café, aber keiner sah zu ihnen hin. Vielleicht waren sie gar nicht zu sehen.

»Hier, nimmt ihn. Er tut dir nichts.«

Bezaubert streckte nun auch sie ihre Hand aus. Der Schmetterling flatterte mit den Feuerflügeln, löste sich vom Zeigefinger des Todes und landete stattdessen auf ihrem Handgelenk. Die Berührung seiner Beinchen war warm. Sie kitzelten, aber sie brannten nicht.

»Unglaublich!«

»Es gibt so vieles, das man noch nicht glauben kann, solange man am Leben ist. Das macht doch den ganzen Reiz aus. Man hört nie auf, sich zu wundern – die Entdeckungsreise geht immer weiter.«

Der Schmetterling flog empor. Seine Flügel griffen in den Wind und zogen haarfeine Schleier aus Rauch hinter sich her. Zweimal umkreiste er ihren Kopf und schien mit den Flügeln zum Abschied zu winken. Dann liess er sich treiben und verschwand über dem See wie eine erste Sternschnuppe am dämmernden Himmel. Weg war er, weg bei seinen Artgenossen, die …

 

im Vorgarten tanzten, als würden sie keine Sorgen kennen. Die Schmetterlinge und die Bienen, die Kreuzspinne in ihrem tauschimmernden Netz vor dem Fenster. Es war so schön, und so ungerecht!

Draussen schien die Sonne. Aber hier drinnen, in Michelles Gedanken, herrschte Finsternis.

Sie lag auf dem Teppich, die Füsse über ihr auf dem Sofa. Lucie lag neben ihr, ihre Augen ein Netz aus roten Äderchen. Der Raum war verhangen vom Rauch. Wenn die Polizei jetzt hier reinkommen würde, dachte Michelle, würden sie es nicht mal schaffen, uns festzunehmen. Schon nach drei Schritten wären sie alle zu stoned.

Aber der Joint, den sie mit zwei Fingern an Lucies Lippen hielt, machte es nicht besser. So betörend sein Rauch auch sein mochte, er konnte die Gedanken nicht vertreiben.

»Lucie?«

»Ja, Süsse?«

»Ich bin schwanger.«

Lucie füllte sich die Lunge und bedeutete Michelle mit Blicken, ebenfalls einen weiteren Zug zu nehmen. Erst dann antwortete sie.

»Du meinst, du hast den Test gemacht?«

»Ja. Zwei Striche.«

»Von wem?«

»Was weiss ich! Tiago, Doménic, Jean …«

»Ach du Scheisse! Du hast mit Jean …?!«

Michelle warf ihr einen schalen Blick zu. »Nur einmal, damals im Bloodlust. Als ob es dich was anginge!«

»Tut mir leid, Süsse, es ist nur –«, sie schüttelte sich demonstrativ und bedeutete Michelle, ihr den Joint wieder hinzuhalten. Asche fiel auf den Teppichboden. Der Ring aus sattgelber Glut hatte sich schon fast bis zum Filter gefressen. »Und jetzt? Hast du schon einen Termin?«

»Einen Termin wofür?«

»Na um es loszuwerden. Du weißt doch.« Sie betrachtete versonnen den abblätternden Lack auf ihren Fingernägeln. »Wie ich vor zwei Jahren. Man sollte nicht zu lange damit warten.«

»Lucie … Ich weiss nicht, ob ich es loswerden will.«

»Spinnst du?!« Ihre Freundin richtete sich auf die Ellbogen auf und stiess mit der Zunge durch die Lücke zwischen ihren Schneidezähnen. Das tat sie immer, wenn sie wütend war. Die Lücke war eine Erinnerung an das erste Mal, dass sie mit Felix zusammen gewesen war, an einen Streit und jede Menge Alkohol. Dann zwei Wochen Singleleben. »Du kannst doch nicht … Ach, Süsse, hör auf zu Rauchen!«

»Ich meine es ernst.« Michelle drückte den Joint in einem leeren Plastikbecher aus. »Ich glaube, ich will es behalten.«

»Nein. So ein Arschloch bist du nicht. Ein Kind, Michelle, ein richtiges, schreiendes, scheissendes Baby! Ich versteh schon, jetzt ist noch alles neu, und sowieso … Aber du wirst es einsehen. Scheisse, was denkst du, dass du bist? Eine von diesen Oh-ich-liebe-meinen-Mann-und-unser-Reihenhaus-und-all-die-süssen-kleinen-Kinder-die-wir-noch-haben-werden Vorstadt-schlampe?«

»Halt die Fresse.«

»Einen Scheiss werde ich. Süsse, was willst du tun, den Kleinen mit Whiskey stillen? Du als Mutter, stell sich das einer vor! Wenn das Claude sehen könnte, der würde sich einen ablachen, oh mein Gott –«

Michelle wusste nicht, wie es so weit hatte kommen können. Der Joint vernebelte ihre Sinne, es waren das Gras oder die Hormone, die ihre Hand bewegten. Aber plötzlich hatte Lucie einen roten Abdruck auf der Wange.

»Oh, du Hure!«

Der Joint vernebelte ihre Sinne, ganz eindeutig, denn sie spürte nichts. Sie sah nur das Blut, das an Lucies Fingernägeln klebte, als sie sich auf Michelle gestürzt hatte. Blut, so rot wie …

 

Wein und Pralinen für das junge Paar. Zum Wohl!« Der Kellner lächelte sie an, deutete eine Verbeugung an und zog sich zurück.

Der Tod hob sein Glas. Sie zögerte – zu stark war die Angst vor dem Alkohol, die sie sich seit Nicos Geburt angewöhnt hatte. Aber natürlich war das kindisch. Ihre Mundwinkel zuckten. Sie tat es ihm nach und stiess an. Es klang wie ein Klaviertriller ihrer Mutter.

»Auf dich, Michelle.«

»Auf … Auf das Leben.«

»Auf das Weiter.«

Sie hatte gedacht, der Geschmack des Alkohols würde einen Rückfall auslösen. Sie hatte gedacht, er würde die Lust von Neuem wachrufen und sie wie eine Marionette an die Bar treiben, so wie sie es von unzähligen ihrer früheren Freunde gehört hatte, die vom Trinken wegzukommen versucht hatten. Aber es geschah nichts dergleichen. Vielleicht, dachte sie, sind Rückfälle etwas für die Zukunft. Es kann keine geben, wo es kein Morgen gibt.

Sie nahm eine mit Puderzucker bestäubte Praline aus dem Kristallschälchen, das der Kellner neben die Kerze gestellt hatte. Ein leiser Seufzer entwich ihr, als sie hinein biss. Die Schokolade war mit Orangenlikör getränkt. Sie zu schmecken war, als würden Frühlingsblumen auf ihrer Zunge spriessen. So zart, so süss und doch so subtil, ein Edelstein auf dem roten Teppich des Weins.

Und früher, dachte sie, hätte ich mich höchstens darüber aufgeregt, dass der Geist zu schwach ist. Alkohol war schliesslich da, um eine Wirkung zu spüren, und Schokolade höchstens, um mich darüber zu beklagen, wie fett ich werde.

Da entwich ihr eine Frage, so plötzlich, als habe sie den ganzen Tag, ja ihr ganzes Leben lang nur auf diesen Moment gewartet.

»Warum kommst du erst jetzt?«

»Du meinst warum jetzt und nicht damals, als du mich gesucht hast?«

»So kann man es ausdrücken. Gesucht … mit Schlaftabletten und Rasierklingen und meinem ganzen verdammten Lebensstil.«

»Ich wollte noch warten. Die Geschichte war noch nicht zu Ende …«

»Die Geschichte?« Sie runzelte unwillig die Stirn.

»Ich denke, jetzt ist der richtige Moment.« Der Tod griff in seine Hosentasche und zog ein kleines, in marmoriertes Papier gebundenes Notizbuch heraus. »Ich habe mir überlegt, es einzupacken, aber nie einen passenden Umschlag gefunden.«

»Was ist das?«

Er lächelte fast schüchtern. »Mein kleiner Zeitvertreib. Ich habe dreissig Jahre auf dich gewartet, da muss man sich doch irgendwie beschäftigen. Hier, sieh es dir an.«

Sie nahm das Notizbuch und staunte zu allererst, wie weich sich das Papier anfühlte – und wie warm.

Auf der ersten Seite war in makelloser Kalligrafie eine Widmung geschrieben:

 

Für Michelle – zur Erinnerung an früher

 

Sie blätterte um. Auf der nächsten Seite war ein Bild im selben Stil wie das auf der CD gezeichnet. Allerdings zeigte es nicht ihr Gesicht, sondern eine winzige, verschrumpelte Hand. Die Hand eines Babys. Darunter begann ein Fliesstext wie ein Spinnennetz – ohne Pausen und Absätze, dafür in Mustern, die ihn wie ein tintenschwarzes Labyrinth erscheinen liessen. Manchmal drehten sich Sätze im Kreis, spannten sich quer über Seiten oder wanden sich unter anderen hindurch, ohne allerdings die Lesbarkeit zu beeinträchtigen.

Als sie die ersten Sätze gelesen hatte, schluckte sie schwer. »Ist das mein Leben? Meine Geschichte?«

»Alles, was es wert ist, dass du dich daran erinnerst.«

»Dann warst die ganze Zeit schon da?«

»Ich war bei dir, seit du zum ersten Mal die Augen aufgeschlagen hast. Dein Leben war nur der Weg zu mir, damit wir zusammen weitergehen können.«

Sie spürte, wie die Rührung ihr Tränen in die Augen trieb. Mit einer Serviette tupfte sie sie fort.

»Machst du das für jeden?«

»Dieses habe ich nur für dich gemacht.«

Es störte sie nicht, dass er in Rätseln sprach. Es störte sie überhaupt nichts mehr. Denn dieser Moment, und mochte er noch so flüchtig sein – mit den Wellen, die am Kai rauschten, mit der Schokolade auf ihrer Zunge und dem Wein, dessen Wärme sich langsam in ihrem Körper ausbreitete, mit dem Buch in ihren Händen und dem Abendrot, das am Himmel blühte und dann langsam zu Violett zerfiel – war vollkommen.

»Danke«, sagte sie.

Der Tod erhob sich von seinem Stuhl, kam um den Tisch herum und umarmte sie. Er sagte kein Wort. Sie vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter und spürte wieder die Tränen. Er hielt sie fest und strich ihr übers Haar. Sie wusste nicht, wie viel Zeit verging, bis sie sich schliesslich von ihm löste. Ihr Blick war verschwommen, aber als er sich wieder ihr gegenüber setzte, lächelte sie breiter und ehrlicher als je zuvor.

Von den anderen Gästen schenkte ihnen immer noch keiner Beachtung.

 

Es war Nacht, als sie Le Pavot Rouge verliessen und zurück zum Auto gingen. Michelles Gedanken waren träge vom Wein. Über ihnen spannte sich der Sternenhimmel ohne eine einzige Wolke. Der Tod hatte seine Sonnenbrille ausgezogen und die Hände in die Hosentaschen gesteckt, als ob er fröstelte. Michelle hielt das marmorierte Notizbuch fest in der Hand.

»Und, wohin geht es jetzt?«

Der Tod zuckte die Achseln. »Wohin möchtest du?«

Sie hatte sich diese Frage zuvor schon in Gedanken gestellt. »Zum Friedhof.«

Er hob eine Augenbraue. »Hast du es so eilig?«

»Nein, nicht für mich! Ich will noch einmal zum Grab meiner Mutter. Kann ich wenigstens von ihr Abschied nehmen, wenn ich schon Nico nicht mehr sehen kann?«

»Es wird kein Abschied für lange sein. Wir sind dorthin unterwegs, wo auch sie ist.«

Michelles Herzschlag beschleunigte sich. »Werde ich sie wiedersehen?«

»Es ist nicht wie auf der Erde. Aber in gewisser Weise … Ja. Allerdings, wenn du ihr Grab noch einmal sehen möchtest – gehen wir.«

»Weißt du, ich hatte früher immer Angst, dorthin zu gehen«, gestand Michelle, als sie ins Auto stiegen. »Ich hatte Angst, mein Vater könne dort auftauchen.« Sie schnaubte. »So viele Dinge, die mich damals keinen Scheiss kümmerten! Ich habe mich mit Dealern und Polizisten angelegt, als wäre es ein Spiel. Aber vor ihm habe ich mich gefürchtet.«

»Verständlich«, sagte der Tod nur.

Sie schaltete die Musikanlage ein und fuhr los. Sie erwartete ein weiteres Lied aus ihrer Vergangenheit. Aber die Musik, die jetzt aus den Lautsprechern drang, war fremd. Auch die Stimme, die entrückte Worte über sphärisch flirrende Gitarrenklänge legte, hatte sie noch nie gehört:

 

»Never stop your car on a drive in the dark

Never look for the truth in your mother’s eyes

Never trust the sound of rain upon a river rushing though your ears

Arriving somewhere, but not here …«

 

»Was ist das für ein Lied?«

»Eines von meinen.« Er schien ihre Gedanken zu erahnen. »Nein, nein, kein Totenlied, es ist von einer lebenden Band. Es gefällt mir ganz einfach.«

Auf der Schnellstrasse waren kaum mehr Autos unterwegs. Die Falter, die in den Lichtkegeln der Laternen tanzten, waren das einzige, was sich bewegte. Michelle sah …

 

… vor ihnen die Kreuzung, sie mussten nach links. Dann waren es …

 

… nur noch fünf Minuten bis zum Friedhof. So bald schon! »Wie geht es nachher weiter?«, fragte sie, während der Rhythmus der Musik allmählich treibender wurde. »Ich meine, wie gehen wir ins – wie nennst du es – Jenseits?«

»Wir werden fliegen.«

»Wie Vögel?« An der Kreuzung war …

 

… rotes Licht, was sollte rotes Licht? Egal, sie kannte …

 

… den Weg, auch wenn sie ihn seit Jahren nicht mehr gefahren war.

»Wenn du möchtest.« Der Tod beugte sich nach vorne und legte seine Hand auf ihre, die den Kupplungshebel bediente. »Wie Vögel, oder mit einem Boot. Oder wie Schmetterlinge.«

»Fliegen«, sagte sie versonnen. Sie drehte das Steuer und schrie im selben Moment gellend auf. Rot, das war das falsche Licht! Sie durfte nicht fahren!

Von links kam ein zweites Auto heran – ein schwarzer Mercedes, wie sie in einem Augenblick geisterhafter Klarheit erkennen konnte. Sie sah zwei Männer: einen älteren, bärtigen am Steuer, dessen Gesicht in Panik erstarrt war, und einen jüngeren mit blauen Augen auf dem Beifahrersitz, der lächelte. Sein Lächeln hatte etwas Melancholisches.

Rotes Licht.

Ihr Schrei, sein Schrei, das Kreischen von berstendem Metall. Und Michelle …

 

flog.

 

 

-Februar 2015

 

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