Arabesque

Gewinner des Schreibwettbewerbs 2016 der Vortrag und Lesegesellschaft Toggenburg (VLT)

 

Manche sagen, der alte Mann sei schon immer da gewesen. Er sei ein Teil der Landschaft, ein Teil des Dorfes, so wie die Klippen, der Kirchturm, die Weiden am Steg.

Er erscheint jeden Abend um fünf. Man könnte die Uhr nach seinem Auftauchen richten. Er trägt immer denselben grauen Anzug, dieselbe graue Melone, denselben Spazierstock aus gedrechseltem Holz und denselben Blick, in dessen fahlem Blau mehr Geheimnisse klingen, als Falten sein Gesicht überziehen.

Er geht jeden Abend am Steg entlang, sieht den Möwen auf ihren Raubzügen zu und hebt die buschigen Brauen, als verwundere ihn das Rubinrot ihrer Kopffedern. Er tippt höflich an die Krempe seines Huts, wenn ihm Anwohner entgegen kommen, und sie erwidern den Gruss mit einem Lächeln und einem Nicken. Der alte Mann ist für sie so selbstverständlich wie das Meer.

Am Ende des Stegs setzt er sich jeden Abend in dasselbe Café, an denselben Tisch in der hintersten linken Ecke, sodass die Sonne in seinem Rücken untergeht und seine Silhouette für alle anderen Cafébesucher schwarz zeichnet. Jeden Abend kommt eine andere Kellnerin zu ihm, mal jung, mal älter, wenngleich nie so alt wie er, mal blond, mal brünett, mal mit diesen seltsamen ausrasierten Sternen im Haar, die bei den Jungen im Dorf gerade in Mode sind. Der alte Mann bestellt jedes Mal dasselbe: zuerst einen Kaffee, schwarz, aber mit einem Würfel Zucker, dann ein Glas Rotwein für danach. Wenn er letzteres trinkt, sehen die Kellnerinnen manchmal tränen in seinen Augenwinkeln glitzern.

Neben dem Café liegt ein leerer, gepflasterter Platz. Früher einmal war er der Marktplatz des Dorfes, auf dem die Fischer ihren morgendlichen Fang feilboten und die Bauern sich mit dem Preis für frisch gelesene Honigtrauben unterboten, doch seit sie westlich des Dorfes eines dieser neumodischen Kaufhäuser hochgezogen haben, ist der Markt verschwunden. Was bleibt, ist jede Menge freie Fläche, auf der sich die Kinder austoben, wenn sie um halb sechs von der Schule kommen. Der alte Mann sieht lächelnd zu, wie die Fussbälle übers Pflaster hüpfen, wie Springseile in der Luft zischen und Fahrräder bei besonders kühnen Wendemanövern schwarze Linien auf das alte Gesicht des Platzes zeichnen.

Auch die Kinder waren schon immer da. Das würde jeder Bewohner des Dorfes bestätigen.

Wenn es regnet, verliert sich ihr Überschwang bald, sie verschwinden schon nach wenigen Fussballtoren in der Behaglichkeit ihrer Elternhäuser. Dann sitzt der alte Mann alleine da, ungestört, gekleidet in einen Mantel aus Stille über dem Grau seines Anzugs.

Doch wenn die Sonne scheint, kommen die Kinder früher oder später ganz gewiss zu ihm hinüber. Sie kichern, drucksen herum, reiben sich aufgeschürfte Knie und vom Spielen gerötete Wangen. Sie verstecken sich hinter den Rücken ihrer Kameraden, bis schliesslich eines unbarmherzig nach vorne gestossen wird und die Aufgabe übernimmt zu fragen:

»Opa, zeigst du uns einen Zaubertrick?«

Der alte Mann, dessen Kaffeetasse zu diesem Zeitpunkt jeweils zu zwei Dritteln geleert ist, täuscht dann jeweils grosse Nachdenklichkeit vor, lässt die Kinder einen Moment lang zappeln, bevor er ein Grunzen ausstösst und in die Brusttasche seines Anzugs greift. Manchmal ist es ein Päckchen Spielkarten, das er herauszieht, manchmal ein Würfel, manchmal ein Paar Ringe oder eine grellgrüne Kugel.

Seine Hände sind steif, seine Finger gekrümmt wie die Klauen der rubinköpfigen Möwen, aber sie sind noch immer flink. Manchmal gesellt sich eine Kellnerin zu den gespannt zuschauenden Kindern, manchmal drehen sich auch die Cafébesucher an den Nebentischen zu ihnen um. Der alte Mann gibt jedes Mal nur zwei, an guten Tagen vielleicht drei Tricks zum Besten, doch das Ende seiner Vorstellung wird jedes Mal von frenetischem Applaus belohnt. Wenn er die zuvor ausgesuchte Spielkarte aus dem Ärmel eines der Kinder zieht, die Ringe auf unerklärliche Weise miteinander verbindet oder die Kugel in seinem Taschentuch verschwinden lässt, nur um sie kurz darauf vom Tablett der Kellnerin zu greifen, jubeln die Kinder, und die Augen des alten Mannes werden für einen Moment klar und leuchten die Brandung in der Mittagssonne.

Das ist es, was er immer tut. Hinter seinem Rücken wird die Sonne erst orangefarben, dann rot, dann purpurn, sie küsst den Horizont und macht platz für erstes Sternenfunkeln am Himmel, und der alte Mann bestellt seinen Rotwein, weil er ihn bald brauchen wird.

Bald, aber noch nicht jetzt.

Denn zuerst stellen die Kinder eine weitere Frage, nachdem sie eine Weile vergebens um eine Zugabe der Zaubershow gebettelt haben.

»Opa, erzählst du uns eine Geschichte?«

Der alte Mann kennt viele Geschichten, aber erzählen tut er nur selten. Nur, wenn der Abend besonders schön ist, die Sonne besonders rot, oder sein Herz so schwer, dass er einen Teil der Schwere in Worte fassen muss.

Dann schweigt er jeweils lange, blickt ins Innere des Cafés und auf den spiegelnden schwarzen Konzertflügel, der dort auf einem Podest steht – regungslos, zeitlos, ein Ding, das jünger als er sein mag oder auch fünfmal so alt, an dessen lackiertem Holz die Jahre abperlen wie Morgentau und das selbst in der Stille so schön ist wie die untergehende Sonne.

Man kann ihm ansehen, wie er im Kopf seine Worte ordnet, sie drapiert, einige nach vorne zieht und andere dahinter verschwinden lässt, so wie seine Hände es zuvor mit den Spielkarten oder den Bällen für seine Zaubertricks getan haben. Zwischen zaubern und Geschichten erzählen, das weiss er, besteht kein grosser Unterschied.

Zwischen zaubern und Geschichten erleben, schon.

»Opa, von was wird die Geschichte denn heute handeln?«

»Ist sie gruselig? Bitte, bitte, ich will eine gruselige Geschichte hören!«

»Nein, bitte nicht. Sonst kann ich wieder nicht schlafen …«

»Opa, Opa, kommt ein Monster darin vor?«

»Ein Seeungeheuer?«

»Ein Drache?!«

Der alte Mann nippt an seinem Kaffee und schüttet dann einen Schluck Milch in den Rest, der noch in der Tasse geblieben ist. Nicht, weil er die Milch so gerne mag, sondern weil er ihr zusehen möchte, wie Muster in der schwarzen Flüssigkeit erblühen: Spiralen, Schlangenlinie, Zweige, Äste und ganze Baumkronen, die einen Schluck später für immer verschwunden sein werden.

»Nein, es wird keine Gruselgeschichte. Nicht heute. Sonst geben eure Eltern mir noch die Schuld, wenn ihr schlecht träumt.«

»Ach, bitte … Wir sagen ’s auch niemandem!«

»Keine Gruselgeschichte.«

»Dann eine Liebesgeschichte.«

»Ja, eine Liebesgeschichte!«

»Mit einem Drachen!«

»Eine Liebesgeschichte …« Der Blick des alten Mannes scheint im schwarzen Spiegel des Konzertflügels zu versinken. Er schweigt lange, viel länger als gewöhnlich. »Eine Liebesgeschichte. Na gut, wenn ihr es so wollt.«

»Danke, Opa!«

»Kommt, setzt euch. Ihr bringt mir die Wörter durcheinander mit eurem Gezappel. Eine Liebesgeschichte …« Er räuspert sich und trinkt den letzten Schluck seines Kaffees mit all den darin entsprungenen Ranken aus Milch.

»Diese Geschichte handelt von einem jungen Mann. Einem schönen, klugen jungen Mann. Einem Zauberkünstler.«

»So wie du, Opa?«

»Nein, nein! Dieser junge Mann … war viel besser als ich. Er war ein grosser Zauberer, ein Meister. Jeden Abend führte er seine Kunststücke auf der Bühne vor, vor hunderten Leuten, und manchmal sassen die noch mit offenen Mündern auf ihren Stühlen, wenn der Zauberer schon längst im Taxi nach Hause war.«

»Im Taxi

»Na – so eine Art Kutsche.

Auf jeden Fall kannte der Zauberer viele Tricks, hundert mal mehr, als ich kenne. Er konnte Vögel und Kaninchen und getigerte Katzen aus seinem Zylinder zaubern, manchmal sogar einen echten Leoparden. Er konnte Wasser in Wein verwandeln, Wein in Erdbeersirup und den Sirup in einen Strauss aus roten Rosen, die immer noch nach Erdbeeren dufteten. Er konnte einen Stapel Karten hoch in die Luft werfen, dann seinen Degen ziehen und genau die eine Karte mit der Klinge aufspiessen, auf die ein Zuschauer zuvor seinen Namen geschrieben hatte.

Aber er hatte ein Kunststück, das noch einzigartiger war, und um das ihn alle anderen Zauberkünstler auf der Welt beneideten. Dieses eine Kunststück machte ihn wirklich, wirklich berühmt, und reich, reicher als ihr euch vorstellen könnt.

Der Zauberer hatte nämlich von seinem Vater, der ebenfalls ein grosser Zauberer und noch dazu der beste Sänger des Landes gewesen war, ein Kabinett geschenkt bekommen. Eine Art Kasten aus dunkelrotem Holz, müsst ihr euch vorstellen, so gross wie ein erwachsener Mann. Auf der Aussenseite waren Schnitzereien von allerlei wunderbaren Dingen – von Feen, Faunen, Rehen, Hirschen und Schlangen mit Flügeln.

Im Innern war das Kabinett leer. Nicht ein Staubkorn, nicht eine Spinnenwebe konnte man da drin finden, nur einen Spiegel, der an der hinteren Wand hing.

Mit diesem Kabinett hatte es eine ganz besondere Bewandtnis: was immer man hinein tat, das verschwand, sobald man die Türen schloss.

Man konnte einen Apfel nehmen, eine Münze oder eine Flasche Champagner. Das tat der Zauberer normalerweise am Anfang seiner Vorführungen, um das Publikum ein bisschen zu verblüffen. Man konnte aber auch eine Maus, eine Katze, einen Hund, zwei Hunde, eine Ritterrüstung mitsamt Schwert, Schild und Federhelm in das Kabinett stellen. Er brauchte nur die Türen zuzumachen, darauf zu lauschen, ob das Schloss einschnappte, und sie dann wieder zu öffnen – und puff war da wieder nur das leere Kabinett mit seinem Spiegel. Keine Falltür, kein doppelter Boden, das liess er das Publikum oft genug überprüfen.

Niemand konnte sich erklären, wie er die Dinge in dem Kabinett verschwinden liess, und noch weniger, wohin sie verschwanden. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Tricks, die der Zauberer durch Fingerfertigkeit und ein paar kluge Verstecke zustande brachte, war das echte Magie.

Nun, der junge Zauberer hatte nicht nur ein magisches Kabinett, sondern auch eine Frau, die … mindestens so magisch war. Ihr Name war Diane. Sie war genauso jung wie er und wunderschön, so schön, dass er manchmal die Augen zusammenkneifen musste, wenn er sie ansah, weil es ihn sonst geblendet hätte wie die strahlende Mittagssonne. Wenn sie lachte, hörte es auf zu regnen, und die Vögel vor dem Fenster verstummten, um ihr zuzuhören.«

»Jetzt übertreibst du aber, Opa!«

»Nein, glaubt mir, kein Bisschen. Nicht, wenn es um sie geht.

Der Zauberer hatte seine Diane kennengelernt, als sie im Foyer – das heisst, im Raum vor der Bühne – vor einem seiner Auftritte … hmm … Harfe gespielt hatte. Ja, Harfe, sie konnte phantastisch Harfe spielen, ihre Musik war das einzige, das noch schöner war als sie selbst. An diesem Abend, an dem er sie zum ersten Mal gesehen hatte, hatte sie ein ganz besonderes Lied gespielt. Nun, eigentlich zwei Lieder. Ihr werdet sie nicht kennen, denn hier kennt sie niemand, aber der Zauberer kannte sie, und mit einem Mal war er es, der verzaubert war. Die Lieder hiessen Deux Arabesques.«

»Was heisst das, Opa?«

»Was es heisst … Nun, es heisst, dass die Lieder von Geheimnissen erzählen, von allen schönen Dingen im Leben, die viel zu schnell wieder vorbei sind. Habt ihr schon mal einen Weiher gesehen, der so blau war wie der Himmel am schönsten Sommertag, aber gleichzeitig bunt, weil sich Blumen und Blätter darin spiegelten?«

»Ja.«

»Ja!«

»Nein …«

»Mein Papa hat mal so einen gesehen!«

»Nun, dann stellt euch vor, ihr betrachtet so einen Weiher, aber durch ein Dickicht von Efeuranken hindurch. Da ist jede Menge grün, jede Menge Blätter, aber dazwischen Sprenkel in allen Farben es Regenbogens. So klingen die Arabesques.«

»Ich verstehe nicht …«

»Musst du auch nicht. Es ist ja nur eine Geschichte.

Der junge Zauberer jedenfalls, der verstand sofort. Lange, sehr lange stand er nur da und hörte Diane beim spielen zu. Die Vorführung danach war die schlechteste seines Lebens, weil er jeden Trick verpatzte, mit seinen Augen immer nur sie im Publikum suchte und am liebsten gar nie den Mund aufmachen wollte, weil er hoffte, aus dem Foyer wenigstens noch ein paar Töne ihrer Musik zu erlauschen.

Nach der Vorführung, nachdem ihn der Direktor des Theaters, in dem er aufgetreten war, ordentlich dafür zur Schnecke gemacht hatte, suchte er Diane und fand sie tatsächlich. Er lud sie zu einem Glas Rotwein ein, dann zu zweien … und beim dritten Glas waren sie ein Paar. Das glücklichste Paar auf Erden.

Jeden Abend nach seinen Vorführungen spielte sie führ ihn, und er verriet ihr dafür die Geheimnisse all seiner Tricks und nahm sie als Assistentin auf die Bühne mit. Zuletzt zeigte er ihr sogar sein uraltes, echt verzaubertes Kabinett.

Tage, Wochen und Monate verstrichen. Die beiden waren immer noch glücklich, der Zauberer und Diane, aber langsam, ganz langsam, drängte sich etwas Unausgesprochenes zwischen sie.

Während der junge Zauberer mit seinem Erfolg und seinem Reichtum zufrieden war, sich zurücklehnen und das Leben ihr Ruhe geniessen wollte, war seine Diane im Geiste eine Abenteurerin. Sie war von Natur aus neugierig, öffnete jede Tür, nur um zu sehen, was sich dahinter verbarg. Sie wollte Neues ausprobieren, Neues erleben, an Orte gehen, an denen noch nie jemand zuvor gewesen war. Musik zu machen, so erzählte sie ihm eines Nachts, hatte sie gelernt, weil man damit überall auf der Welt den Menschen eine Freude machen, überall eine warme Mahlzeit und ein Dach über dem Kopf gegen ein paar Lieder tauschen kann. Deshalb konnte sie ohne Sorge reisen, von Ort zu Ort zu Ort ziehen wie ein Vogel, der sich mit dem Wind treiben lässt.

Oder zumindest hatte sie das gekonnt.

Mit jedem Tag, den sie mit dem Zauberer zusammen verbrachte, wurde ihre Welt kleiner. Er stand Abend für Abend auf der Bühne, und wenn er einmal ein paar Tage lang keinen Auftritt hatte, dann legte er sich in den Garten, er las oder hörte Diane beim Üben zu. Sie wusste, dass, egal wohin sie gehen würde, egal wie lange sie verreiste, sie immer wieder zu ihm zurückkehrten würde und deshalb nur noch eine Brieftaube, kein freier Vogel zwischen den Wolken war. Es verzehrte sie, ohne dass ihr Zauberer verstand, warum.

Dann, eines Nachts, erwachte Diane von einem Klopfen im Erdgeschoss. Sie war keine Frau, die sich schnell fürchtete, und ausserdem war es kein bedrohliches Klopfen. Deshalb stand sie auf, ohne den Zauberer zu wecken, und ging nachsehen.

Sie folgte dem Klopfen, bis sie endlich seinen Ursprung gefunden hatte, und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus: Es kam aus dem Innern des Kabinetts.

Diane öffnete die Türen – erst nur einen Spalt breit, damit sie sie, wenn nötig, gleich wieder zustossen konnte –, doch dieser Spalt reichte schon. Im einen Moment spähte sie noch ins dunkle Innere, im nächsten kam ihr ein Vogel entgegen geflattert. Ein seltsamer, leuchtend blauer Vogel mit – ihr werdet es nicht glauben – zwei Köpfen.

In dem Kabinett, in dem bislang immer nur Dinge verschwunden waren, war ein lebender Vogel aufgetaucht, und noch dazu einen, wie Diane ihn noch nie gesehen hatte.

Auch der Zauberer hatte einen solchen Vogel noch nie gesehen, aber er kümmerte sich herzlich wenig darum. Denn als er am nächsten Morgen erwachte, sass der Vogel mit beiden Schnäbeln zwitschernd auf dem Fensterbrett. Diane aber war verschwunden.

Alles, was von ihr geblieben war, war eine Brief auf dem Küchentisch. Er bestand lediglich aus vier Zeilen in ihrer verschnörkelten Handschrift:

 

Es gibt Leben auf der anderen Seite des Kabinetts.

Da gibt es Geheimnisse, die ich sehen muss – ich hoffe, du verstehst es.

Bin noch vor dem Abend wieder zurück.

Ich liebe dich.

 

Erst war der Zauberer nur erschrocken. Er sperrte den blauen Vogel in einen Käfig, setzte sich neben ihn und starrte ihn an wie ein Ding aus einem Traum.

Als der Nachmittag verstrich, als es Abend und schliesslich Nacht wurde, bekam er Angst.

Er rief Dianes Namen. Er tastete das Kabinett ab, gründlicher, als es einer seine Zuschauer je getan hatte, er klopfte gegen jede Paneele, stampfte auf den Boden, hämmerte mit den Fäusten gegen die Wände. Er war drauf und dran, die Stirn gegen den Spiegel zu schlagen.

Schliesslich schlief er vor Erschöpfung auf dem Boden vor dem Kabinett ein. Der blaue Vogel hatte aufgehört zu singen.

Auch am nächsten Morgen war Diane noch nicht zurück.

Sieben Tage und sieben Nächte lang wartete der Zauberer. Er ass nicht mehr, trank nur noch, wenn seine Kehle vor Durst zu brennen anfing. Den blauen Vogel fütterte und tränkte er mit grösster Fürsorge, aber am siebten Tag lag das wundersame Tier tot in seinem Käfig. Beide Köpfe hatten die Augen geschlossen.

Zuletzt, als er noch immer keine Spur von seiner Diane gefunden hatte, sah der Zauberer keine andere Möglichkeit mehr.«

»Er … Er ist selber in dieses Kabinett gestiegen?«

»Ja, das ist er.«

»Aah!«

Er schloss die Türen hinter sich, hörte wie so oft auf der Bühne das Schloss zuschnappen. Er spürte nichts – keine Blitze, kein Rauch, keine Hand, die aus dem Spiegel nach ihm griff. Da war nur Dunkelheit.

Das Kabinett hatte auch auf der Innenseite so einen Knauf, den man drehen konnte, um die Türen wieder zu öffnen. Das tat er, als er eine Ewigkeit im Dunkeln gewartet hatte.

Er trat heraus und sah – eine andere Welt.«

»Eine andere Welt, Opa?!«

»Eine andere Welt.«

Der Zauberer sieht sich um. Luft, heisse Luft, und in ihr ein Echo von hundert Düften: Limette, Ingwer, blühender Flieder, Salzwasser, und für jeden davon ein Dutzend weitere, die er nicht benennen kann. Er steht in den Ruinen eines Hauses. Mauerreste ragen wie die Zähne eines Greises in die Höhe, in einem davon hängt ein eingeschlagenes Fenster, ein Auge, das blind, aber ohne Bitternis auf ihn hinab starrt. Unter seinen Füssen hat Gras die Bodenplatten aufgesprengt. Rostige Messer, Gabeln und hölzerne Schuhe liegen in wildem Durcheinander darüber verstreut. Ein weiteres Echo? Das eines Festes, eines Aufruhrs, einer Flucht?

Hinter dem Zauberer steht ein riesiger, uralter Ofen aus Gusseisen. Es dauert endlose Sekunden, bis er begreift, dass er soeben aus dessen Tür gestiegen ist.

Entgeistert macht er ein paar Schritte zur Seite, zwischen den Mauern hindurch, und stösst die hundert Düfte der fremden Luft sogleich mit einem Keuchen aus: Unter ihm, am Fusse einer Senke voller Obstbäume in voller Blüte, erstreckt sich eine Stadt von Horizont zu Horizont.

Doch nicht die Stadt ist es, die ihm den Atem verschlägt. Es sind die Obstbäume, die auf golden schimmernden Wurzelbeinen über den Erdboden schreiten.

 

»Diese Welt, die der Zauberer durch sein Kabinett betreten hatte, war so fremd und so voller Wunder, dass ich euch heute nicht einmal einen Bruchteil davon erzählen könnte. Vielleicht werde ich das ein anderes Mal tun, wenn wir Zeit haben, viel mehr Zeit …

Wichtig sind nur zwei Dinge:

Erstens: In der Stadt lebten Menschen, aber wie lange der Zauberer auch durch ihre Strassen wandelte und nach seiner Liebsten rief, er fand keine Spur von ihr. Die Menschen waren freundlich, einige verstanden sogar seine Sprache und halfen ihm bei der Suche, aber noch nach einem ganzen Jahr blieb Diane verschwunden.

Zweitens: So viele Wunder es auch in dieser neuen Welt gab – schreitende Obstbäume, im Mondlicht tanzende Rosen, Schiffe mit Flügeln und eine Bibliothek, die in einen einzigen Fingerring aus rotem Gold geschnitzt war –, es gab darin keine blauen Vögel mit zwei Köpfen.

Ganz allmählich, während seine Suche immer verzweifelter wurde, begriff der Zauberer deshalb, dass es mehr als nur zwei Welten geben musste, die er durch sein Kabinett hätte betreten können.

Und so ging er eines Tages wieder zurück auf den Hügel, zu den Ruinen des alten Hauses. Er kletterte in den Ofen, holte einmal tief Luft, und zog die Tür hinter sich zu.«

Die Tür, die er diesmal öffnet, ist die eines Kleiderschranks, der nach Mottenkugeln stinkt. Er stolpert heraus in ein leeres Wohnzimmer – ein trister Raum, voller Ecken, Kanten und mattgrauen Oberflächen, durch dessen einziges Fenster er auf eine Strassenschlucht zwischen Wolkenkratzern blickt. Nur, dass da statt einer Strasse ein brackig brauner Kanal liegt, in dessen Wellen ebenso graue Motorbote graue Rauchwolken atmen. Der Himmel darüber ist erfüllt vom Fauchen zahlloser Rotorblätter.

 

»Auch in dieser Welt machte sich der Zauberer auf die Suche. Ihre Menschen waren unfreundlich und kalt, mit starren Blicken gingen sie immer nur den eigenen Geschäften nach. Wenn er sie um Hilfe bat, schnaubten sie nur, zuckten mit den Schultern und wandten sich ab.

Trotzdem verbrachte er auch in dieser Welt ein ganzes Jahr, bis er zuletzt die Hoffnung aufgab und zurück in jenes trostlose Wohnzimmer ging. Wenn in diesem Jahr irgendjemand dort gewohnt hatte, dann fand er kein Zeichen dafür, alles war genau so, wie er es bei seinem ersten Besuch angetroffen hatte.

Der Zauberer kletterte zurück in den Kleiderschrank.«

Gedrungene Steinhäuser, Sonne, Eidechsen, die geschäftig über die Mauern huschen. Er steht unter einem Dach aus Weinreben. Hinter ihm hängt die Tür des Gartenhäuschens, aus dem er soeben herausgetreten ist, lose in den Angeln.

Eine Frau stösst einen überraschten Ruf aus, doch längst nicht so überrascht, wie sie hätte sein sollen. Sie humpelt auf ihn zu – eine alte Frau, gebückt, die Hakennase fleckig, das Lächeln zahnlos, aber umso herzlicher.

»Benvenuto!«, ruft sie und verbeugt sich vor ihm, »Benvenuto, figlio mio!« Ehe er sich versieht, hat sie ihm einen Becher Wein in die Hand gedrückt.

Es ist eine Lotterie!, schiesst es dem Zauberer durch den Kopf. Eine verdammte Lotterie – irgendwo wirft jemand blindlings einen Würfel, der entscheidet, aus welchem Kaninchenbau ich herauskomme!

»No, no, non piangere!«, ruft die alte Frau.

Er trinkt den Wein in grosser Schlucken. Er ist froh, dass er sich an etwas festhalten kann.

 

»Auch in dieser Welt suchte der Zauberer ein Jahr. Vergebens. Er ging zurück zu der alten Frau, zurück in ihr Gartenhäuschen.«

Diesmal ist es ein hölzerner Sarg, in dem der Zauberer sich wiederfindet. Ihm ist fast nach Lachen zumute.

Er richtet sich auf. Über ihm spannt sich ein leerer Himmel, nur ein bleicher Sichelmond hängt zwischen Unendlichkeiten sternenloser Schwärze. Das einzige, was er in dessen Licht ausmachen kann, sind Ruinen.

Er legt sich sogleich wieder hin und zieht den Sargdeckel über sich.

 

Ein Dorf, in dem die Menschen in Lumpen gekleidet sind. Ihre Köpfe sind kahlgeschoren zum Schutz vor Läusen. Aber sie lachen, sie braten Kaninchen über offenen Feuerstellen. Der Zauberer setzt sich zu ihnen, fragt sie, ob sie eine junge Frau gesehen hätten. Sie verstehen kein Wort, schütteln ihm aber eifrig die Hand und beginnen mit sonoren Stimmen zu singen.

 

»Ein weiteres Jahr suchte er, und fand nichts.«

Ein roter Himmel, Flugzeuge, der Boden eine Wüste aus weissem Moos. Eisenbahnschienen erstrecken sich von einem Horizont zum anderen. Dazwischen: nichts.

 

Eine Stadt. London, zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten ist das Wasser zu klar, und die Flaggen, die über Westminster wehen, zeigenen einen siebenzackigen Stern.

 

Kornfelder, darüber verstreut Gehöfte wie Würfel auf einem Spieltisch. Kein Wind weht. Es fühlt sich an, als stünde die Zeit still.

 

Grüne Wiesen, Bäume … dann Heuschrecken. Der Himmel verdunkelt sich.

 

Ein Wald, graue Terrassenhäuser …

 

Ein Sandstrand …

 

Licht, blaues Licht …

 

Eine Welt …

 

… die nächste …

 

…nächste …

 

»Opa, warum erzählst du nicht mehr?«

»Ja, Opa, bitte erzählt weiter! Was ist dann geschehen? Hat er Diane gefunden??«

»Nein, Kinder … Heute nicht mehr. Das Ende erzähle ich ein anderes Mal. Jetzt bin ich zu müde. Es fehlt noch zu viel, bis die Geschichte zu Ende ist. Zu viele Welten, und zu viele Jahre.«

»Ach!«

»Gerade jetzt, wo ’s am besten war!«

»Biiiiitte!«

»Gab es in einer dieser Welten einen Drachen?!«

»Nein, Kinder, jetzt ist Schluss. Wirklich, geht nach Hause. Geht schlafen!«

Wenn die Kinder nach Hause gehen, sitzt der alte Mann jedes Mal wieder alleine da. Die Sonne ist dann jeweils ganz im Meer versunken, und an den Kais gehen die Laternen an. Die Luft ist noch immer erfüllt von den Schreien der Möwen, doch der alte Mann hört sie nicht mehr. Er winkt eine Kellnerin heran, wie jeden Abend, und bestellt seinen roten Wein, für den nun die Zeit gekommen ist.

Die Pianistin ist längst nicht so zuverlässig wie er. Manchmal taucht sie gegen halb acht im Café auf, manchmal erst um neun. Manchmal erscheint sie gar nicht – vielleicht, weil sie sich nicht von ihrem Liebsten losreissen kann. Vielleicht, weil sie es ganz einfach vergisst.

Sie ist jung, vielleicht Anfang dreissig, aber so wie der Alte man schon immer Teil des Dorfes gewesen zu sein scheint, ist sie ein Teil des Cafés. Manchmal trägt sie ein blaues Kleid, wenn sie sich an den Konzertflügel im Innern setzt und zu spielen anfängt, blau wie die Federn eines gewissen doppelköpfigen Singvogels. Manchmal auch nicht. Es gibt ohnehin niemanden, der noch auf die Farbe ihres Kleides achtet, wenn ihre Finger die Tasten berühren.

Je nach Laune spielt sie zehn Minuten, zwanzig, oder auch zwei volle Stunden. Die Pianistin beherrscht viele Musikrichtungen, hangelt sich von Sonaten zu schwermütigem Jazz, zu Walzern und dann zu den Popsongs, die allmorgendlich aus den Radios klingen. Aber sie beendet ihr Spiel jedes mal mit denselben zwei Schwesterstücken, die im Dorf noch nie jemand von jemand anderem als von ihr gehört hat.

Die Musik schwebt hinaus in die Nacht, hinauf zum Mond und dicht an den Wellenkämmen des Meeres entlang, das mit einem Mal nicht mehr wirkt wie ein nächtlicher Ozean, sondern wie ein Weiher im Wald, in dem sich alle Farben des Regenbogens spiegeln.

Der alte Mann sitzt allein, lauscht und trinkt seinen Rotwein. Er sitzt in der hintersten linken Ecke des Cafés, sodass niemand die Tränen sehen kann, die ihm dabei übers Gesicht rinnen.

 

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

w

Connecting to %s

WordPress.com.

Up ↑

%d bloggers like this: