Als seine Eltern mit Jonas eines Tages zum Fluss hinab fuhren, schwante ihm nichts Böses. Hatte er sie flüstern gehört, manchmal spätnachts, wenn er bereits tief und fest in seine Träume versunken sein sollte? Hatte er gemerkt, wie sie ihm manchmal unbestimmbare Blicke zuwarfen, wie sie durch Magazine für Ferien zu zweit blätterten und sich weigerten, ihm Hänsel und Gretel als Gutenachtgeschichte vorzulesen? Selbstverständlich – aber flüsterten Erwachsene nicht ständig über Dinge, von denen Kinder nichts verstehen durften? Blätterten sie nicht ständig in Magazinen, und hatten sie nicht ihre völlig unverständlichen Präferenzen, was Gutenachtgeschichten betraf, ganz gleich ob es dabei um Märchen, kindergerechte Krimis oder Comics voller Supermonster ging?

Ihm schwante nichts Böses, als sie gemeinsam aus dem Auto stiegen, seine Mutter eine Picknickdecke auf dem Gras ausbreitete und sein Vater zum Floss hinab schlenderte, das sie in den vergangen Wochen zusammen gebaut hatten. Trauerweiden und dicht belaubte Buchen standen zu beiden Seiten des Ufers. Ein einsamer Reiher stand einige Meter abseits und betrachtete sie misstrauisch, Eindringlinge, die sie waren in sein Revier.

„Na, wollen wir es einmal ausprobieren?“, fragte Jonas’ Vater mit einem ganz und gar unschuldigen Lächeln, und Jonas lächelte zurück. „Unbedingt!“ Sein Herz pochte vor Aufregung. Dies würde ein grossartiger Tag werden, dachte er, während seine Mutter zwei Pappteller auf der Picknickdecke platzierte und eine Flasche Champagner dazwischen stellte. All die Abenteuer, die sie hier zusammen erleben würden, all die Entdeckungen, die es zu machen gab …

Jonas kletterte auf das Floss, während sein Vater den Knoten überprüfte, mit dem das ihm angehängte Seil an einem Baumstrunk befestigt war. „Alles klar, du kannst ablegen! Schiff ahoi, Käpt’n!“

„Schiff ahoi!“, rief Jonas voller Euphorie und stiess sich vom Ufer ab. Das Floss trieb mühelos auf dem jadegrünen Flusswasser. Die Strömung war stark; binnen Sekunden hatte er sich bereits ein Dutzend Meter vom Ufer entfernt. Das Seil begann sich zu spannen.

„Alle Mann an die Segel, ihr Landratten!“, rief er. Schatten und Frühlingssonne jagten im Gleichtakt mit den in der Brise wippenden Ästen über sein Gesicht. Unter seinem Floss schnellten Fische in allen Farben des Regenbogens hindurch. Der längste von ihnen war so gross wie sein ausgestreckter Arm.

Selbst als sein Vater drüben am Ufer ein Taschenmesser zückte und die gezahnte Klinge am Seil ansetzte, schöpfte er noch keinen Verdacht. Jonas was acht Jahre alt, und seine Eltern hatten sich ein Leben lang um ihn gekümmert – warum sollte das jemals anders sein?

Erst als Strähne um Strähne unter dem Messer seines Vaters zersprang, begann sich ein mulmiges Gefühl in seinem Magen breit zu machen. „Papa? Was tust du da? Du hältst mich doch fest, oder?“

„Keine Sorge, Käpt’n“, tönte es zur Antwort vom Ufer. „Kümmere dich nur um den Wind und die Wellen.“ Und mit diesen Worten durchtrennte er die letzte Strähne des Seils, winkte einmal zum Abschied und übergab seinen Sohn der Strömung des Flusses.

 

Jonas rief nur so lange nach seinen Eltern, wie sie noch in Sichtweite waren. Das Floss nahm mit erschreckender Geschwindigkeit an Fahrt auf. Nach der ersten Biegung hörte er nur noch von Fern das Plopeines Champagnerkorkens, und nach der zweiten wusste er, dass seine Schreie von der undurchdringlichen Blätterwand um ihn herum verschluckt würden, bevor sie überhaupt je an die Ohren seiner Eltern drangen.

Danach weinte er. Zusammengekauert in der Mitte des Flosses hatte er beide Arme um den alten Besenstiel geschlungen, den sie als Mast in seine Mitte eingesetzt hatten, und wünschte sich aus einem Traum zu erwachen, der eindeutig keiner war.

 

Jonas wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als er die Augen wieder aufschlug, aber der Fluss war mit einem Mal erheblich breiter geworden. Die Ufer zu beiden Seiten lagen mindestens zwanzig Meter entfernt, die Böschungen waren steil und von Dornengestrüpp überwuchert. Selbst wenn seine Eltern ihn je Schwimmen gelehrt hätten, hätte er es wohl kaum bis dahin geschafft. Die Strömung war unerbittlich.

Noch immer war das Ufer von Buchen und Trauerweiden gesäumt, doch nun hatten sich auch mächtige Weisstannen dazugesellt, die sich gen Himmel reckten wie immergrüne Zähne. Es war heiss. Die Sonne stand prall und riesig in der Mitte des Himmels, und als Jonas zögerlich seine Wangen berührte, fand er dort nur noch verkrustete Salzspuren.

Etwas raschelte im Gebüsch. Jonas stiess einen lautlosen Schrei aus, als zwischen den Zweigen am Flussufer mit einem Mal ein Gesicht zum Vorschein kam. Es hätte das eines Menschen gewesen sein können, wären da nicht die riesigen, fahlen Augen gewesen, gross wie Untertassen und gänzlich pupillenlos. Alles rund um diese Augen war mit weisser Farbe beschmiert. Selbst die Hände, die kurz darauf zum Vorschein kamen und lockend einen Finger mit viel zu langem Nagel nach ihm krümmten, wirkten wie in Gips getaucht.

Das Ding zwischen den Zweigen grinste, und Sekunden darauf brach ein zweites Grinsen zwischen den Blättern des anliegenden Baumes hervor, und ein drittes, und dann ein viertes mit rotem Zickzackmuster über der weissen Bemalung.

Jonas wimmerte und versuchte, sich auf seinem Floss so klein wie nur möglich zu machen. Unvermittelt war er heilfroh über die Breite des Flusses und die Strömung, die es ebenso schwierig machte, vom Ufer zu ihm zu gelangen, wie sie ihn davon fernhielt.

 

Es wurde Nachmittag. Die Sonne verlor an Kraft, und die Blätter der Trauerweiden und Buchen, die nun nur noch vereinzelt zwischen den himmelhoch aufragenden Tannen standen, wurden von einem Hauch von Orange überzogen. In der Ferne vor sich erspähte Jonas eine halb eingestürzte Steinbrücke, die bis in die Mitte des Flusses hinein ragte. An ihrem anderen Ende, wo nur noch ein halb zerfallener Pfeiler von dem einstigen Bauwerk übrig war, stand eine Kapelle aus weiss getünchten Ziegel, auf deren kleinem Turm sich etwas im Wind drehte, das wahrscheinlich ein Hahn hätte sein sollen, aber eindeutig keiner war.

„Hilfe!“, schrie Jonas, doch seine Stimme verhallte zwischen den Bäumen. Nichts und niemand regte sich. Von den weiss bemalten Gesichtern hatte er seit Stunden keines mehr gesehen.

Als er bis auf einen Steinwurf weit an die Brücke und die Kapelle herangetrieben war, ertönte mit einem Mal Glockengeläut. Er seufzte und spürte neue, sengend heisse Tränen seine Wangen hinab rinnen. Waren da Menschen? War da jemand, der ihn sicher ans Ufer ziehen könnte?

Die Kapellentür schwang auf. Im honiggoldenen Nachmittagslicht gewahrte Jonas die Silhouetten zweier Menschen im Durchgang, kaum mehr als schwarze Schnittmuster, da hinter ihnen im Kapelleninnern offenbar zahlreiche Feuer loderten. Er winkte, rief und hüpfte sogar ein paar Mal verzweifelt auf seinem Floss auf und ab, was sein Gefährt gefährlich ins Schlingern brachte.

Die Silhouetten waren die eines Mannes und einer Frau … Wobei nein, einer Frau ganz bestimmt, aber etwas stimmte nicht mit dem Kopf des Mannes – er war zu lang, zu rund, zu – zu gehörnt! Sein Körper war menschlich, ganz bestimmt, aber vom Hals an aufwärts erinnerte er vielmehr an eine Ziege. Selbst den Spitzbart konnte Jonas im Gegenlicht ausmachen, als er auf einer Höhe mit der Brücke und der Kapellentür war.

Keine der beiden Silhouetten schien Kleidung zu tragen. Jonas sah die schwingenden Brüste und aufgerichteten Brustwarzen der Frau, bevor diese unter den Händen des Ziegenköpfigen verschwanden. Ihre Beine öffneten sich wie die Glieder einer Schere, als sie an den Hüften hochgehoben und gegen die Kapellenwand gepresst wurde. Das Glockengeläut schwoll zu einer geisterhaften Kakophonie an. Etwas Mächtiges ragte zwischen den Beinen des Ziegenköpfigen empor und war Augenblicke darauf verschwunden. Für einen Sekundenbruchteil drangen zwischen dem Tosen der Glocken ein spitzer Schrei und ein abgrundtiefes Röhren hervor.

Jonas wandte den Blick ab und trieb weiter. Die Sonne berührte die Baumwipfel und färbte sich purpurrot. Die eingestürzte Brücke, die Kapelle und das Tosen ihrer Glocken verschwanden hinter der nächsten Flussbiegung, und er war wieder alleine.

 

Im letzten Abendlicht schnitt Jonas’ Floss in einen Teppich treibender Blätter. Sie waren gelb, orange, bernsteinfarben und zinnoberrot. Die wenigen Laubbäume, die noch die zitadellenhafte Wand aus Weisstannen durchbrachen, waren jetzt vollkommen kahl. An einigen davon hingen Totenschädel wie elfenbeinweisse Früchte. Vor Jonas’ Augen fiel einer davon ins Wasser und versank ohne einen Laut.

Sein Floss hinterliess eine leer gewischte Spur in dem Blätterteppich. Riesige Schemen huschten unter der Oberfläche umher, manche in entfernter, andere in überhaupt keiner Weise fischähnlich.

Aus reiner Langeweile streckte Jonas die Hand nach einem besonders grossen und schön gefärbten Ahornblatt aus, das neben seinem Floss hertrieb. Beim ersten Versuch entglitt es seinen Fingern – es war nass, glitschig und um einiges schwerer, als er es sich vorgestellt hatte. Beim zweiten Mal bekam er den Stiel zu fassen und wollte es zu sich an Bord ziehen, als die Wasseroberfläche plötzlich in tausend Tropfen zerstob. Etwas schnellte aus der Tiefe des Flusses empor: ein zierlicher Oberkörper mit üppig beringten Armen und Händen, wallendes rotes Haar, ein schuppenbedeckter Fischleib und ein Mädchengesicht, das zum Sterben schön aussah, bis es von Ohr zu Ohr auseinander klaffte und zwei Reihen riesiger, gekrümmter Zähne enthüllte.

Jonas starrte nur wie versteinert. In einem Moment hatte er noch nach dem Ahornblatt gelangt, im nächsten war das Fischmädchen bis zur Hüfte aus dem Wasser geschossen und hatte mit zierlichen Fingern voller Goldringe seinen Arm gepackt, und noch einen Augenblick später schloss sich ihr Maul um sein Handgelenk und trennte es mit einem einzigen Biss durch. Als das Kreischen, das sich vom ersten Moment an in seiner Kehle aufgebaut hatte, endlich nach draussen und an seine eigenen Ohren drang, hatte sich der Blätterteppich bereits wieder geschlossen.

Das Fischmädchen war spurlos im Wasser verschwunden. Jonas schrie, bis seine Stimme versagte. Blut sprühte aus seinem wie von Rasierklingen abgetrennten Armstumpf. Es fügte sich pittoresk in den Teppich aus Herbstblättern.

Erst als seiner Kehle nur noch ein heiseres Krächzen entwich, entsann sich Jonas einer Technik, die er im letzten Sommer einmal bei den Pfadfingern gelernt hatte. Er schlüpfte aus seinem T-Shirt und wickelte es so fest er konnte um die Verletzung. Binnen Sekunden hatte sich der Stoff mit Blut vollgesaugt, und eine Gänsehaut überzog seinen gesamten Körper.

Es wurde Nacht. Jonas begann zu frieren.

 

Schnee fiel in dicken Flocken um ihn herum und löste sich auf, sobald er das Flusswasser berührte. Von den Tannenästen um ihn herum hingen Eiszapfen. Ein schmutzig gelber Sichelmond stand wie ein Fingernagel zwischen den Wolken am Himmel. Manchmal knisterte es, wenn sein Floss eine Stelle nahe dem Ufer durchbrach, an der sich eine Eisschicht gebildet hatte.

Immer wieder schwanden Jonas für unbestimmte Zeit die Sinne. Sein T-Shirt war über und über mit Blut verkrustet; er zitterte wie ein Besessener und musste die Zähne mit aller verbliebenen Kraft aufeinander pressen, weil er Angst hatte, sich ansonsten unversehens die Zunge abzubeissen. Abgesehen von seinem eigenen Wimmern war es vollkommen still.

Ein Licht unter ihm erweckte seine Aufmerksamkeit, als Jonas einmal aus seinem Trancezustand wieder in die Wirklichkeit trieb. Zögerlich, sich genau entsinnend, was passiert war, als er das letzte Mal das Wasser berührt hatte, kroch er an den Rand des Flosses und starrte hinab.

Unter ihm trieb ein kleiner, in weisses Leinen gekleideter Junge. Seine Haut war aschfahl, seine Augen waren offen aber blicklos. In den auf der Brust gefalteten Händen hielt der Junge eine Kerze, die mit blassgelber Flamme brannte, obwohl sie sich bestimmt anderthalb Meter unter der Wasseroberfläche befand. Wie ein ausgeblichenes Glühwürmchen trieb der Junge unter seinem Floss hindurch und verschwand stromabwärts.

Während Jonas noch starrte, kam ein zweites Kerzenlicht in Sicht. Dieses wurde von einem Mann gehalten, dessen angegraute Haare sich im Wasser kräuselten. Auch seine Haut war fahl und vollkommen leblos, auch er trug ein Gewand aus hellem Leinen und hielt eine brennende Kerze mit beiden Händen auf der Brust. Auch seine Augen waren leer.

Nach dem Mann kam eine Frau mit rotem Haar und Tätowierungen auf beiden Armen, dann eine Greisin, deren Haut zerknittert war wie Jahrhunderte altes Pergament. Mehr Kinder folgten, einige älter, andere noch deutlich jünger als Jonas selbst. Nach wenigen Minuten war das Flussbett voller treibender Kerzenflammen, eine jede gehalten von einem bleichen Körper im Leinenkleid. Jonas sah einen Säugling, einen riesigen Mann mit Bergen von Fett vom Kinn bis zu den Fussspitzen. Es schien Jonas, als schwebe sein Floss auf einem Strom aus totem Licht.

Eine Ewigkeit blickte er nur gebannt auf die unter ihm vorbeitreibenden Toten. Als er zum ersten Mal wieder aufsah, bemerkte er mit Staunen, dass die Uferböschungen zu beiden Seiten verschwunden waren. Der Fluss hatte sich immer weiter verbreitert, bis seine Ausläufer gänzlich in der Dunkelheit verschwanden. Zu allen Seiten war nichts als vom Kerzenschein erleuchtetes Wasser. Es mochte eine breite Stelle sein, ein See oder ein vollkommen endloser Ozean …

Mit einem Ruck kam das Floss zum Stillstand. Jonas fuhr hoch, und bereits ob dieser geringen Anstrengung begann sich alles um ihn herum zu drehen. Das Holz seines Gefährts war an etwas Festes gestossen. Vorsichtig betastete er den Rand und spürte Eis unter seinen Fingern: nicht die hauchdünne Schimmerschicht, die er in den letzten Stunden schon etliche Male durchbrochen hatte, sondern eine massive Platte, die so dick war, dass die Umrisse der Toten nur noch als wabernde Schemen darunter zu erkennen waren.

Mit übermenschlicher Anstrengung stemmte Jonas sich auf die Füsse und machte einen vorsichtigen Schritt von dem Floss weg.

Vor ihm brannte ein Licht.

Anders als die unzähligen Kerzen war es nicht nur ein fahles Gelb aus den Tiefen des Wassers. Dieses Licht hing höher, ganz eindeutig über der Oberfläche, und es war von einem so köstlichen Orange, dass Jonas unwillkürlich darauf zu strauchelte, nur um zu verstehen, was diesen wunderbaren Schein erzeugte.

Schnee fiel in lautlosen Wogen. Die Flocken schmolzen kaum mehr, wenn sie auf seiner Haut landeten.

Nach einigen Schritten schälte sich um den orangefarbenen Schein herum eine Laterne aus dem Dunkeln. Sie wurde von einer Gestalt in grauem Mantel gehalten, neben der eine zweite ebenso verhüllte stand. Die Gestalt mit der Laterne winkte Jonas zu.

Mit schwindenden Kräften brachte er die letzten Schritte hinter sich und trat in den Lichtkreis inmitten der endlosen Fläche aus Eis. Das Floss war hinter ihm in der Dunkelheit verschwunden, als hätte es nie existiert.

Jonas spürte, wie die Finsternis auch nach ihm selbst griff und ihn ins Nichts zu ziehen versuchte. Sein ganzes Denken war zu einem einzigen Punkt zusammengeschrumpft, einem Punkt orangefarbenen Lichts in der Hand der verhüllten Gestalt. Er streckte seine eigene Hand nach ihr aus.

„Hallo Jonas“, drang ein Flüstern in seine Umnachtung. „Wir dachten bereits, du schaffst es nicht mehr.“ Mit einer fliessenden Bewegung schob die Gestalt ihre Kapuze in den Nacken.

„Hallo … hallo Papa.“

Jonas tat einen letzten Schritt, und das Eis gab unter ihm nach. Noch ehe er die Kälte des Wassers spüren konnte, hatte ihn die Finsternis verschluckt.

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