Nach dem Tod meiner Mutter verbrachte ich mehr Zeit in ihrer Wohnung, als gut für mich war. Zuerst waren es nur ein paar Nächte – Schränke mussten ausgeräumt, Akten sortiert, Verträge gekündigt, Freunde und Verwandte informiert werden. Jemand musste da sein, um nach der Katze zu sehen. Ein Kunstexperte musste kommen, um ihre Fluchten von antiken Spiegeln zu schätzen. Die Wände über dem schwarzen Parkett waren hundertfach gespalten, gerahmt in Rokoko unter Mänteln aus Blattgold, und ich war in unzähliger Gesellschaft meiner selbst, während ich durch die verlassenen Gänge schlenderte.

Meine Mutter hatte das Spiel mit Spiegeln geliebt. Sie war Künstlerin gewesen, Skulpteurin, und war von einer namhaften Tageszeitung einmal als die „Erbin Dalís ohne Ozelot“ betitelt worden. Manche ihrer Figuren enthüllten ihre Formen erst, wenn sie in konkavem Silberglas verzerrt wurden. Andere bestanden selbst aus verspiegelten Oberflächen, warfen das Gesicht des Betrachters zur Unkenntlichkeit verzogen auf ihn selbst zurück oder hüllten sich in Mäntel aus reflektiertem Sonnenlicht.

Anfangs wanderte ich aus rein administrativen Gründen zwischen den Spiegeln. Manche davon waren nötig, um die von meiner Mutter hinterlassenen Figuren richtig in Szenen zu setzen – schwer zu sagen, welche in bewussten Kontexten inszeniert worden waren, und welche nur aus Zufall die Bilder zeigten, die sie zeigten. Andere mussten ausgesondert werden, weil sie nur Leihgaben berühmter Sammler, Mäzenen oder örtlicher Museen waren. Doch schon bald begann ich mich in der Gesellschaft meiner Spiegelbilder wohler zu fühlen als draussen vor der Tür.

Im Wohnzimmer legte ich alte Platten von den Doors und David Bowie auf und wiegte mich zur Musik, hundert- und aberhundertfach wie in einem gigantischen Ballsaal. Ich erhob Gläser voller Rotwein und sah, wie sich der Himmel mit ihnen füllte, während ich mit mir selbst auf das Andenken meiner Mutter anstiess.

Ich ging kaum mehr aus der Wohnung hinaus; die einzigen Leute, mit denen ich mich traf, waren Notare, Kuratoren und Nachlassverwalter. Bowies Stimme untermalten unsere kurzen, rein geschäftlichen Gespräche – es gab kaum noch einen Moment, in dem keine Platte im Wohnzimmer rotierte.

Auf der Werkbank meiner Mutter baute ich Pyramiden aus Weinflaschen. Ich sah ihren Kletterpflanzen beim Wachsen zu und übertrug die Schnitzereien in den Spiegelrahmen auf gekörntes Papier. Meine Finger waren meist schwarz von Kohlestiften, meine Hemden gefleckt von verschüttetem Wein.

Bisweilen, wenn mir der Anblick meiner sich bis zur Unendlichkeit reihender Selbst einmal zu viel wurde, setzte ich mich an das einzige Fenster der Wohnung – dasjenige im Arbeitszimmer gleich über dem Tisch – und blickte auf den Innenhof hinab, der drei Stockwerke darunter lag. Ich beobachtete Leute und stellte mir mit einem angenehmen Schaudern vor, deren Spiegelbild zu sein. Auf meinem Zeichenbrett skizzierte ich ihre Gesichter, Haltung, Bewegungen in schnellen schwarzen Strichen. Es war wie einer dieser Schaukästen, die ich als Kind besessen hatte, und bei denen das Bild mit einem Klicken wechselte, wenn man oben auf einen Knopf drückte. Genau die richtige Dosis Realität, genau die richtige Anzahl anderer Gesichter. Ein kleiner, überschaubarer Innenhof als Kontrast zur Unvorstellbarkeit der Spiegel.

Ich sah einen Mann, der sich in der ersten Morgensonne auf eine Gartenbank setzte, um zu lesen. Er blätterte selten mehr als eine Seite um – oft starrte er länger in seine dampfende Kaffeetasse als in sein Buch –, aber er schien niemals aufzugeben. Tagein, tagaus dasselbe Buch; tagein, tagaus derselbe verklärte Blick. Eines Tages würde er es wohl zu Ende bringen.

Ich sah einen Jungen in ärmellosem T-Shirt und mit Kopfhörern auf den Ohren, der Dartpfeile mehr schlecht als recht auf ein Brett warf. Manchmal war ein Mädchen bei ihm – sie stand im Hintergrund und applaudierte leise, wenn er ausnahmsweise einmal ins Schwarze traf. Ihr Haar war zu einem fadendünnen Zopf geflochten, der ihr bis über die Hüfte reichte.

Einmal war da eine ältere Frau mit kirschroten Lippen, die ihren Hund streichelte und ihn mit gelben Plätzchen fütterte. Ein anderes Mal jagten sich zwei Kinder über den Innenhof und bewarfen einander mit Dreck. Bowie fragte aus dem Wohnzimmer, ob es auf dem Mars wohl Leben gebe, aber die Antwort darauf hätte die beiden kaum weniger kümmern können.

Eines Morgens, durch den kaffeeduftenden Nebel aus meiner Tasse, sah ich einen prächtigen Rothirsch mitten im Innenhof, den Kopf mit dem zwölfendigen Geweih weit in den Nacken gelegt, als wolle er gleich zu röhren anfangen – aber das Tier blieb vollkommen lautlos. Ich gefror hinter dem Glas, um es nicht aufzuscheuchen. Muskeln wellten sich unter dem rostrot glänzenden Fell des Hirschs, seine Augen fingen ein verirrtes Glimmern der Sonne und warfen es onyxfarben zurück. Ich spürte eine Gänsehaut meine Arme hinab kriechen. Als der Hirsch sich letztendlich in Bewegung setzte und aus meinem Sichtfeld verschwand, mochten Augenblicke oder auch Stunden vergangen sein. Ich ersetzte meinen kalt gewordenen Kaffee durch ein Glas Pinot Noir und ging zurück ins fensterlose Wohnzimmer, um einer Schallplatte beim Drehen zuzusehen. Mein Herz raste. Noch Stunden später, auf und ab gehend zwischen den Spiegeln, hatte ich keine Ruhe gefunden. Lichtpunkte der Lampe schwirrten wie Fliegen über die Decke, und mir schien, als blickten die Augen des Zwölfenders tausendfach auf mich herab.

Was für ein seltsamer Ort, ein solches Tier zu erblicken … Hier in einem unscheinbaren Hof, mitten in der Innenstadt?

 

Blätter. Rost-, karmin- und kupferrot, bernsteinfarben und wie Scheiben aus geädertem Gold. Ich an der Hand meiner Mutter, braune Haarwirbel im Gesicht, jung und ahnungslos von vielem ausser der Tatsache, dass ich zu ihr gehöre. Ich im Strickpullover, sie in gelber Regenjacke. Wind. Aufziehender Regen, die letzte Sonne im Widerstreit. November. Wir zu zweit über gefallene Blätter, raschel raschel knack, Häherschreie und der Rauch von fernen Feuern in der Luft. Meine grösste Sorge: Wölfe, die kommen und uns fressen könnten. Kälte, die langsam durch meine gefütterten Stiefel dringt. Dunkelheit, in der ich meine Mutter verlieren und stattdessen auf der Türschwelle einer Hexe landen könnte.

Raschel. Raschel. Ein Eichhörnchen.

Dornenbüsche, eine Himbeere, die meine Mutter von den Zweigen pflückt. Süss, so wunderbar süss – jemand hat mir einmal erzählt, dass man sich vor Würmern in Acht nehmen müsse, die darin leben, aber so süss, so süss! Vorregensonne zwischen netzgleichen Ästen, alles so hoch und so weit und so unbekannt, herbstliche Unendlichkeit, und wir Seite an Seite …

Dann eine Lichtung, und ein Schrei, den ich vor Schrecken selbst verschlucke. Druck an meiner Hand; meine Mutter hält mich, zieht mich näher. Sie lächelt. Verzückung. Sonnenlicht – und ein Hirsch.

„Das“, flüstert sie, „sind die wahrhaft schönen Dinge. Erinnere dich gut daran. Wer weiss, wann du so etwas wider siehst.“

Raschel, raschel, stampf. Der Hirsch sprintet davon. Zweige, auf seinem Weg vibrierend. Novembersonne. Dann: vorbei.

 

Eines Morgens sah ich ein Mädchen im Innenhof, das einen in Tücher gewickelten Säugling in einer Wanne badete. Warum sie das hier draussen tat, während am Himmel von Schnee flüsternde Wolken vorbei zogen, war mir schleierhaft. Immer wieder hob sie die Hand, um ihr langes nussfarbenes Haar hinter die Ohren zurück zu streichen, und etwas an dieser schlichten Geste berührte mich so sehr, dass mir Tränen in die Augen traten. Das Baby gluckste vergnügt, spritzte mit Wasser um sich und hob einmal ein tapsiges Händchen in meine Richtung, als wolle es mir zuwinken. Wahrscheinlich nur eine unwillkürliche Bewegung, aber von hinter meiner Fensterscheibe winkte ich trotzdem mit einem wehmütigen Lächeln zurück. Jim Morrison, aus den Lautsprechern des Wohnzimmers, lud mich mit an Manie grenzender Stimme zu einer Fahrt in seinem blauen Bus ein, und ich fragte mich, ob dieses Mädchen wohl auch auf einem der Plätze sitzen würde.

Nachdem die Nachlassverwalter und Notare abgezogen, der Schwall an Beileidskarten versiegt und die Rechnungen für die Beerdigung sowie alle damit verbundenen Engagements bezahlt waren, war die einzige Person, mit der ich mich noch regelmässig unterhielt, ein älterer Mann aus dem zweiten Stock, dessen Namen ich mir nie zu lernen die Mühe machte. Wir trafen uns bisweilen im Treppenhaus, wenn ich mit Einkäufen oder er mit Koffern voll alter Kleider nach Hause kam, und wechselten ein paar Worte im Sinne von:

„Guten Abend.“

„Ihnen auch, Ihnen auch …“

„Schreckliches Wetter heute, nicht?“

„Oh ja, ganz schrecklich – aber was will man machen, das ist halt die Jahreszeit.“

„Letzte Nacht waren wieder Füchse an der Mülltonne.“

„Ja?“

„Füchse, ja! Hätten Sie sehen sollen – eine Schande ist das, der ganze Dreck über den Gehsteig verteilt.“

„Die werden wohl immer dreister. Wird Zeit, dass mal jemand Gift auslegt …“

„Glasscherben. Zu meiner Zeit nahmen wir Glasscherben dafür – steck sie in ein Stückchen Wurst, und das Problem löst sich von selbst.“

Viel lieber hätte ich mit einigen der Leute geredet, die ich bisweilen im Innenhof sah, und von denen ich ebenso wenig über Namen oder Herkunft wusste: Ich wollte den lesenden Mann mit der Brille fragen, was das denn für ein Buch war, das er ebenso wenig aufgeben wie beenden konnte. Ich wollte das braunhaarige Mädchen fragen, ob es ihr Kind oder ein jüngeres Geschwister war, und warum man es nicht drinnen in der Wohnung baden könne. Ich wollte den hochgewachsenen Mann im weissen Anzug, der manchmal im Hof auf und ab ging und auf unscheinbare Punkte an der Mauer starrte, fragen, ob ihm schon mal jemand gesagt habe, dass er David Bowie zum Verwechseln ähnlich sehe. Ich wollte den Hirsch fragen, was ihn so weit in eine Stadt voller Füchse trieb …

Und dann diese eine Frau.

Sie stand im Schatten, regungslos unter diesem rostigen Vordach in der linken Ecke des Hofes, sodass ihr Gesicht unter der Kapuze eines honiggelben Regenmantels kaum zu erkennen war. Von Zeit zu Zeit hob sie einen Kieselstein vom Boden auf und betrachtete ihn, wendete ihn in der Hand wie ein Juwel. Dann holte sie einen Taschenspiegel hervor und hielt ihn mit ausgestrecktem Arm ins Licht, schickte flirrende Punkte über den Putz der Häuser ringsum und folgte ihnen mit den überschatteten Augen.

Ich wollte sie fragen, ob dies ein schlechter Scherz sein sollte!

Ich sprang von meinem Stuhl auf und verschüttete kalten Kaffee über den ganzen Fussboden, doch es war mir egal. Ich fluchte. Mein Herz trommelte ohne Takt und Absicht, als ich mir einen Mantel überwarf und in Pantoffeln aus der Wohnung stürmte, ins Treppenhaus und Stufe um Stufe hinab, in den zweiten Stock und den ersten und dann den Korridor zur Eingangstür, umdrehend, und – und dann? Mir wurde bewusst, dass ich nie selbst im Innenhof gewesen war, dass ich keine Ahnung hatte, wie man überhaupt dort hin kommen sollte. Von draussen, von der anderen Seite des Wohnkomplexes? Durch den Luftschutzkeller, oder nur über eine Feuerleiter aus einer der angrenzenden Wohnungen?

Ich schüttelte den Kopf. Ich war zu aufgewühlt, um mich damit abzugeben. Ich musste die Frau zur Rede stellen, und zwar jetzt!

Nur Augenblicke später war ich zurück in der Wohnung, zurück im Arbeitszimmer, von wo aus ich die Frau immer noch im Hof stehen sah. Ich griff nach dem Messingknauf im Fensterrahmen und versuchte ihn zu drehen, aber er klemmte fest. Wahrscheinlich war er seit Jahren nicht mehr gedreht worden; frische Luft gehörte nicht an diesen Ort, und ebenso wenig Unterhaltungen über mehrere Stockwerke hinab in den Hof.

Alles an mir begann zu beben.

Ich taumelte vom Fenster weg und stiess gegen einen der Spiegel, ein rahmenloses Ding von der Grösse einer Tageszeitung, das neben der Tür an der Wand hing. Der Spiegel fiel von der Wand und war auf dem kaffeegetränkten Boden zerschellt, ehe ich auch nur eine Hand ausstrecken konnte.

„Scheisse!“, rief ich in die nachfolgende Stille hinein. Welche Platte auch immer ich vor der ganzen Geschichte aufgelegt haben musste, sie hatte wohl aufgehört sich zu drehen.

„SCHEISSE!“ Ich griff nach einem daneben hängenden Spiegel – kleiner und in einem geschnitzten Holzrahmen – und schmetterte ihn diesmal mit voller Absicht auf den Boden, sodass Scherben und Lichtwirbel von der Deckenlampe nicht mehr zu unterscheiden waren. Ein verzweifeltes Johlen entwich meiner Kehle. Viel zu lange, so viel zu lange hatte ich das schon tun wollen, wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten, seit ich das erste dieser absurden Spiegelkunstwerke gesehen hatte!

Ich sprintete ins Wohnzimmer. Mehr Glas explodierte und verteilte sich über den Parkettboden wie frischer Schnee. In übersprühender Ekstase riss ich Spiegel um Spiegel von der Wand – gross und klein, leicht wie ein Stück Papier oder mit einem Rahmen so schwer wie ich selber. Einige zerbrachen, andere schlitterten nur davon. Gold und Gusseisen liess die Wohnung wie von Glockenschlägen erzittern. Einige der Spiegel fielen von selbst aus ihren Halterungen, allein wegen der Vibrationen. Ich schrie und dröhnte und zersplitterte mit ihnen, ein Scherbenhaufen unter Aberdutzenden. Wohnzimmer, Schlafzimmer, Badezimmer, Küche, Atelier, Lesezimmer, Vorrataszimmer, und letztendlich wieder zurück am Anfang, im Arbeitszimmer zwischen verschüttetem Kaffee und Glas. Bowies Gesang war nun wieder zu hören, aber – wie ich mit kaum vorhandener Verwunderung feststellte – aus meinem eigenen Mund.

Alles war mit einem Mal so unfassbar klar. Wie konnte ich nur jemals so blind sein, fragte ich mich zwischen zwei Zeilen, wie kann nur irgendjemand so blind sein?

Ich ging zum anderen Ende des Zimmers, schob den Tisch beiseite, legte beide Hände an den Rahmen, packte zu und hob das riesige Ding empor. Dahinter war keine Fensteröffnung. Kein Durchgang. Kein Innenhof – natürlich nicht! Was hatte ich denn erwartet; wie hatte ich nur irgendetwas anderes denken können?

Sorgfältig legte ich den messinggerahmten Spiegel auf den Tisch und fuhr mit einer Hand über die weiss verputzten Ziegel, die dahinter zum Vorschein gekommen waren. Unter meinen Füssen knirschte es, raschelte es beinahe. Von oben blickte ich auf das Silberglas hinab. Interessant, dieser Perspektivenwechsel, so ungewohnt, wenn man bisher immer nur daneben gesessen hatte …

Der Innenhof war immer noch da, aber kein badendes Kind mehr, kein Hirsch, und keine im Schatten stehende Frau. Wie hätte so etwas überhaupt jemals da sein sollen?

Es war ein Spiegel, nicht mehr und nicht weniger. Und selbstverständlich blickte mir aus seinen Tiefen mein eigenes Gesicht entgegen.

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