Der Mann bewegt sich wie ein Schatten, aber das will in diesen Tagen nicht viel heissen. Er huscht von Hauseingang zu Hauseingang, schmilzt in die Deckung parkender Autos, tanzt zwischen dem Nebelgrau der Laternen als könne es ihn verbrennen. Dem Anschein nach ist er alleine, aber er weiss nur allzu gut, wie wenig man dem Anschein Glauben schenken darf. Ein weiteres Phänomen dieser Zeit.

Der Mann trägt schwarze Laufschuhe und einen weiten, grauen Mantel. Seine Haut ist fahl, seine Augen dunkel, das Haar zu den Schläfen hin dagegen immer heller. Im Laufen hält er etwas an die Brust gepresst wie eine Mutter ihr Kind: ein Paket, ein Wickel eng verschnürten, aschfarbenen Stoffs. Sein Atem geht stossweise.

Irgendwo in den Strassen hinter ihm bellen Hunde.

 

Zeitzeugenbericht Nummer 1. Dreizehn Jahre zuvor.

Es begann mit einem ganz gewöhnlichen Zaun, so ein [flüsternd]so ein rostrotes Ding, Betonpfeiler und Stacheldraht. Darüber wunderte sich damals niemand. Allerorts wurden Zäune gebaut … Grenzen, Mauern, Zwingerwände … Niemand wunderte sich. Ich ging mit meiner Tochter hinaus – Marina, sie ist heute bei der Verwaltung – um den Arbeitern beim Bauen zuzuschauen. „Die schützen uns“, sagte ich zu ihr, sagte ich allen Ernstes … „Die schauen, dass hier Recht und Ordnung herrscht. Dass niemand was hierher bringt, was hier nicht hier hingehört.“ Marina lächelte, ich lächelte zurück, und einer der Arbeiter winkte. Er hatte einen Schutzhelm auf, so einen aus Plastik, leuchtend wie man das damals noch hatte, und – und – nein. Lassen wir das. Wenn ich daran zurückdenke muss ich nur weinen, oder Schlimmeres.

 

Ein Schuss hallt durch die verwaisten Strassen. Irgendwo hinter dem Mann splittert Putz und verwischt gleich darauf vor dem Grau der Pflastersteine. Eine Stimme brüllt „Anhalten! Im Namen des Gesetzes, halten Sie an!“, aber noch immer ist niemand zu sehen, und der Mann mit dem Paket macht keine Anstalten, seine Flucht zu verlangsamen.

Seine Schuhe zerschlagen die bleigrauen Spiegel von Pfützen. Das Mondlicht hoch über ihm wird von Wolken verwischt, wabernde Schlieren vor Mitternachtschwarz. Als er ein prächtiges Kaufmannshaus zu seiner Linken passiert, hebt er für einen Sekundenbruchteil den Kopf und lässt den Blick über die Fassade schweifen. Er erlaubt sich den Luxus, das kürzeste Aufflackern einer Erinnerung auszukosten wie ein abstinenter Raucher einen einzigen Zug von einer Zigarette. Wie diese Fassade einstmals ausgesehen hatte … Wie das Sonnenlicht über sie geflutet war, in allen …

 

Zeitzeugenbericht Nummer 2. Zehn Jahre zuvor.

Der Krieg – also den unterstützten ja alle, schliesslich waren wir Patrioten … Hässliche Sache, aber da mussten wir durch. Hab selber drei Söhne übers Meer geschickt, nur einer ist wiedergekommen. Fürs Vaterland, für den Vater. Der Herr hab sie selig. [trockenes Husten]Und natürlich wollte deshalb niemand was mit ihnen am Hut haben. Bastarde allesamt, Diktatoren, das Schlimmste vom Abschaum, natürlich [trockenes Husten, heftiger]Jedenfalls hat niemand auch nur zu murren gewagt, als die – als die sagten, dass [nur mit Lippenbewegungen]Rot von nun an verboten sei. Schliesslich war das deren Ding. Die Flagge, die Panzer, die Armee … Und als sie den Zaun dann umgebaut haben, die Verbotszone, die Konfis- … die Verhaftungen, und man die [heftiges Husten] Farbe hierzulande nicht mehr sehen konnte, da haben wir uns gewundert aber waren auch erleichtert. Ausserdem, für die Ärzte und die ganzen, für die war es sicher einfacher, Blut nicht mehr so leuchten zu sehen.

 

Eine Sackgasse, ein Moment reiner Panik. Der Mann wirbelt herum, starrt gehetzt den Weg hinab, den er gekommen ist, und erspäht schliesslich einen Durchgang zwischen zwei Häusern, halb zugewachsen von wie Spinnweben wucherndem Wein. Er quetscht sich hindurch, ignoriert die über seine Wangen peitschenden Blätter, bricht auf der anderen Seite ins Freie und stürmt in die umgekehrte Richtung. Hinter ihm sind Flüche zu hören, längst nicht mehr so weit entfernt wie zu Anfang. Doch der Mann entsinnt sich seiner Instruktionen. Es kann nicht mehr weit sein: da die beiden dunkel verrosteten Laternen, dann die griechische Säule, zwei Strassen weiter, eine Strassenrinne, ein Gasthaus das nun nur noch Zum – – Schwert heisst, dann eine gespenstisch leere Allee entlang und hinter das dritte Haus rechts.

Er wendet sich noch einmal um, saugt die geisterhafte Nachtluft ein und lauscht auf seine Verfolger. Hundertfünfzig Meter, vielleicht zweihundert, weit genug, dass sie ihn noch nicht gesehen haben können. Er hat noch Zeit. Er wird es schaffen!

Der Mann wendet sich nach rechts, huscht um das Haus herum und gewahrt zwischen staubfarbenem Gras und Geranientöpfen eine Holztür, die ins Untergeschoss führt. Das Stoffpaket immer noch gegen die Brust gepresst klopft er dagegen; das verabredete Signal. Augenblicklich wird sie ihm geöffnet. Der Mann schlüpft hindurch, die Tür fällt ins Schloss, und die Verfolger werden zu verlorenen Schatten unter Tausenden.

 

Zeitzeugenbericht Nummer 3. Fünf Jahre zuvor.

Ich bin eh hinüber, also wen kümmert es noch, was ich sage? Sie haben mich … War unter denen, die damals zu den Grenzzäunen hochgegangen sind um zu protestieren, als sie die Definition von Rot immer weiter streckten und dann irgendwann Gelb verboten, und Purpur … Erst da haben sich die meisten überhaupt erst zu wundern begonnen! Ha! Dreihundert oder so waren wir, alle bereit zu sterben wenn’s sein musste, und fast zweitausend haben sich uns angeschlossen mit Schildern und Fahnen, haben gesungen – dieses alte Regenbogenlied, kennt man das noch? [summt diskreditierte Melodie] Und wollten den Grenzzaun niederreissen, wir hatten sogar Benzin und was nicht, haben ordentlich Feuer gemacht … Das Feuer war da schon grau. Ja, grau, ein paar blaue Flämmchen vielleicht wie ein Himmel im November. Pah! [spuckt an Zellenwand] Aber mit so was haben sogar wir nicht gerechnet – nicht mehr nur Stacheldraht und Beton, das verdammte Ding war jetzt himmelhoch aus schwarzem Glas, mit einem Minenstreifen und Schützen, und … und Schleusen. [leiser] Ja, Schleusen. Zum Abtransport. Alles, all das Rot und das Gelb und dann nur wenige Tage später das Grün, als Disziplinarmassnahme, und dann … dann … die Schleusen …

 

In einem abgedunkelten Kellerraum stehen drei Männer und drei Frauen in grauen Kapuzenmänteln. Eine einzelne Halogenlampe an der Decke wirft mehr Schatten als Licht an die Wände, ein Schwarm spasmatischer Flügel. Sie alle drehen sich zu dem Mann mit dem Paket als er den Raum betritt, die Augen schliesst und um Atem ringt. Ihre Blicke blitzen – es ist etwas Verhungerndes darin, etwas von Raubfischen, die durch Schwaden von frischem Blut schwimmen, und gleichzeitig etwas so herzzerreissend Trauriges, dass die Luft davon widerschwingt.

Der Mann öffnet die Augen und zwingt ein Lächeln auf seine immer noch bebenden Lippen. „Es ist hier. Ich habe es gebracht.“

Eine der Frauen fängt leise an zu schluchzen. Der Mann tritt an den hölzernen Klapptisch in der Mitte des Raumes und legt das Paket darauf. Unter andächtigem Warten löst er die Schnüre und schlägt den aschgrauen Stoff beiseite.

Ein Raunen geht durch die Gruppe. Ein Stossgebet. Ein Stöhnen wie in der Mitte des Liebesakts.

Zwischen den Falten wie Nebelschwaden liegt ein einzelnes, karmesinrotes Blütenblatt einer Tulpe.

 

Zeitzeugenbericht Nummer 4. Gegenwart.

Zuerst Rot, dann Gelb, dann Grün, dann Blau, dann die Mischfarben die bis dahin noch in einer rechtlichen Grauzone – ha ha! Grauzone – gewesen waren … Ich weiss nicht wie sie es in anderen Ländern halten, schon seit fast fünfzehn Jahren habe ich dieses hier nicht mehr verlassen, aber es wird wohl kaum anders sein … Es ist alles konfisziert. Wir haben heute Kinder hier, die nicht mehr wissen, wie der Himmel geleuchtet hat … die den Unterschied zwischen einer Glühbirne und der Sonne nicht kennen. Als ich noch gearbeitet habe, war ich Professor, habe Shakespeare gelehrt, aber heute gibt es kaum ein Gedicht ohne Zensur mehr; und selbst wenn sie die Wörter gelassen hätten, wer erinnert sich denn noch, wie Indigo oder Azur überhaupt jemals aussahen?

 

Die Verzückung der Versammelten hält nur wenige Minuten. Plötzlich dröhnen schwere Stiefel, die Türangeln bersten, Splitter fliegen durch den Raum. Hundegekläff dringt von draussen herein, und mit ihm uniformierte Männer, schwere Schusswaffen im Anschlag und Kälte in den farblosen Gesichtern.

„Im Namen der staatlichen Sicherheit, weg von dem Banngut!“

Der Mann, der das Paket gebracht hat, starrt nur ungläubig, als müsse er jeden Augenblick aus einem furchtbaren Traum erwachen.

„Im Namen der Sicherheit, weg!

Einer der Versammelten zückt unvermittelt eine Pistole und beginnt zu schiessen; ein Uniformierter stolpert mit einem Fluch auf den Lippen. Plötzlich speien sämtliche Waffen Feuer, alabasterweiss lodern die Flammen aus den Läufen, Kugeln zerfetzen Kleidung und Fleisch. Der Mann mit dem Paket bricht zusammen. Im Fallen greift er in Richtung des Tischs, kriegt den Stoff zu fassen und zerrt ihn zu Boden, das Blütenblatt trudelt durch die Luft und landet auf ihm.

Da schwimmt es nun, in seinem Blut … ein einzelner Rubin in einer Lache Quecksilber.

Nicht einmal das zerrinnende Leben des Mannes ist mehr als schwarzweiss.

2 thoughts on “Ein Schwarzweissstück

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